Alle paar Jahre wieder bekommen die Österreicher von ihrem Bundespräsidenten zu hören, was er in Kunstdingen denkt. Solches zu äußern ist zwar nicht seines Amtes, aber Thomas Klestil obliegt ihm trotzdem. Von der Höhe seines Präsidentenstammtisches betätigt er sich gern als Kulturphilosoph. Sein Kunstgeschmack ist gusseisern, seine Ausdruckskraft steifleinen, sein Nationalpopulismus krachledern. Der falsche Applaus ist ihm allemal sicher.

So auch in Salzburg. Als Eröffnungsredner der Festspiele gefiel sich Klestil diesmal in der gängigsten aller rhetorischen Präsidentenposen: als Anmahner. Für die Salzburger Festspiele mahnte er einerseits mehr Richard Strauss und andererseits weniger Demokratie an. Wenn das Festival sich statt an elitären an demokratischen Maßstäben orientiere, so bedeute dies "Konfrontation statt Harmonie, Provokation statt Gleichklang, Spektakel statt Werktreue, Stückezertrümmerung statt humanistischem Bildungstheater". Und davor konnte Klestil nur warnen. Auf dass Salzburg so bleibe, wie es immer gewesen sei, empfahl er die Rückbesinnung auf Hofmannsthals Gründungsmanifest von 1919: Kultur als Versöhnungsofferte und Friedensinstrument.

Für seine Werktreue ist der Jedermann geradezu notorisch, beruft sich die Inszenierung doch auf Max Reinhardts Regiebuch von 1911. In Wahrheit bedeutet dies: Die Restbestände von Reinhardts einstigem Regiekonzept für dieses trutzige Stück (Volks-)Bildungstheater werden seit Jahrzehnten treuhänderisch so weiter verwaltet, wie sie über Reinhardts Witwe Helene Thimig auf seine Regieassistenten und deren Assistenten gekommen sind. Seit 1984 obliegt die respektvolle Regieverwesung dem Spielvogt Gernot Friedel, der seit 16 Jahren Reinhardt-Treueprämien anspart (wofür ihm Einfallsrabatt en gros gewährt wird).

Für sein viertes Recycling von Hofmannsthals Buß- und Reu-Spektakel hat Friedel ein bisschen an den Kostümen und den ausgeleierten Arrangements gezupft, den Titelhelden und die Buhlschaft ausgewechselt und im Übrigen jeden aus der Truppe nach seinem Gusto outrieren, fuchteln und grimassieren lassen, was das Zeug hält. Aber das Zeug hält nicht. Vor allem hält Ulrich Tukurs Handwerkszeug als Jedermann nicht. Man kann förmlich zusehen, wie der ungeheure Raum den kleinen Mann vor der Domfassade leer saugt - binnen Minuten hat er seine stimmlichen und darstellerischen Mittel erschöpft. Danach macht er schlapp. Unselig knittelt und hampelt und frömmelt sich dieses Jedermännchen durch bis zu seinem seligen Ende, der völligen Unscheinbarkeit spätestens dann verfallen, wenn seine schmucke und schnöde neue Buhlschaft (Dörte Lyssewski) ihn verlässt, und das ist bekanntlich bald.

Wenn Werktreue somit der allsommerlichen Abstaubeliturgie im Salzburger Traditions- und Schlampereiverein Jedermann gleichzusetzen ist, dann folgt man doch besser dem Schlachten!- Ruf auf die Perner Insel bei Hallein, wo die beiden flämischen Shakespeare-Bearbeiter Luk Perceval und Tom Lanoye nach eigenem Bekunden an dessen Zyklus von Historiendramen "mit dem Abbruchhammer und der Kettensäge herangegangen" sind. Wie erfrischend, wie erschreckend, wie mörderisch belebend ist diese wüste Kriegs- und Metzel-Show über die Königskabalen im Hause Plantagenet: endlich Konfrontation statt Harmonie, endlich Spektakel statt Werktreue, endlich ein bisschen Stückezertrümmerung statt muffigen Bildungstheaters à la Klestil.

Erst wo österreichische Bundespräsidenten sich mit Grausen wenden, beginnen die Salzburger Festspiele ihrem Namen Ehre zu machen. Wo, wenn nicht hier, bei den luxuriösesten und freigebigsten Festspielen der Welt, sollte ein solches Mammutprojekt Gestalt annehmen - die Bearbeitung aller acht Shakespeare-Chroniken über die englischen Rosenkriege in einer Marathonaufführung, gerafft auf 12 Stunden (mit Pausen), eingedampft von 225 Figuren auf knapp 4 Dutzend Rollen, gespielt von 14 Schauspielern. In der flämischen Fassung war Schlachten! vor anderthalb Jahren nur ein spektakuläres Theatergerücht aus Gent und Antwerpen. Nun, nach einem halben Probenjahr in Hamburg ( ZEIT Nr. 23/99), muss sich der Regisseur Luk Perceval mit der deutschsprachigen Version an seinem Vorausruhm messen lassen.

Es beginnt mit drei rituellen Hammerschlägen auf einen Amboss und einem Akt königlichen Mutwillens, der die goldene Kette der göttlichen Weltordnung für immer zerreißen wird. Ein törichter und dekadenter König - er nennt sich Richard Deuxième - setzt leichtfertig seine Krone aufs Spiel und verliert sie. Er ist nur ein Virtuose hohlen Herrschergebarens, aber die Herrschergewalt kann er nicht halten (Roland Renner als Zierkönig ist fabelhaft). Ein Usurpator stößt ihn vom Thron, reißt die Macht an sich und setzt so den Großen Mechanismus in Gang, den Jan Kott in den Königsdramen entdeckt hat - den steten Kreislauf von Machterwerb und Machtverlust, die ständige Prozession der Thron- und Kronräuber, die über den Sturz ihrer Vorgänger hinaufgelangen, nur um ihrerseits von ihren Nachfolgern gestürzt zu werden.