Wie einer, der sich aus dem Wasser rettet und den die Sonne wohltätig abzutrocknen" beginnt, stand er da, ein Schiffbrüchiger im Jahre 1779. Die Bilanz des Dreißigjährigen, der sein Leben in Augenschein nimmt, fällt kläglich aus. So kann es nicht weitergehen. Gegen Überschwemmungen seiner Wahrnehmung und Dammbrüche in der Seele will er künftig gefeit sein.

Verworren und betriebsam, herumschweifend und im Dunkeln fantasierend habe er gelebt. "Alles Wissenschaftliche nur halb angegriffen", verzeichnet das Tagebuch, "des zweckmäßigen Denkens und Dichtens so wenig." Mit "zeitverderbender Empfindung" und "Schattenleidenschaft" habe er seine Tage vertan. Die große Aufklärungsmetapher vom Licht muss dafür herhalten, Abhilfe für das Individuum zu erbitten, das diese Notizen über die selbst verschuldete Unmündigkeit verfasste: "Gott helfe weiter und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst so viel im Wege stehen."

Der junge Autor Goethe, der beim Verfassen dieser Notizen seit wenigen Jahren in Staatsdiensten am Hofe Carl Augusts in Weimar tätig war, steckte 1779 in einem dramatischen Umbau seiner Persönlichkeit - vom uferlosen Ich zur disziplinierten Person. Als hätte er geahnt, dass politische und intellektuelle Revolutionen ins Haus standen, nutzte er die Jahre bis 1789, um sich wie eine Bastille zu befestigen. Genauer: die schwach befestigte, die kaum geschützte Stadt seiner Seele, wie er es selbst im Zeitalter der "Erfahrungsseelenkunde" nannte. Das Gegenüber, die Geliebte Charlotte von Stein, half und diente ihm, ein stabileres Ich aufzuschütten - dem Autor, der auf "die Geburtswehen der europäischen Moderne" (Boyle) über sechs Jahrzehnte hinweg durch sein Werk reagierte: Johann Wolfgang von Goethe.

Im Jahr 1790 setzt der zweite Teil von Nicholas Boyles ausgreifendem Goethe-Buch an, mit der Französischen Revolution, eben an jener "Scheidelinie zwischen dem Gestern und dem Heute", die es in Boyles Augen schwer macht, von der "Goethe-Zeit" als einer einheitlichen Epoche zu sprechen. Es ist eines der reichsten Jahrzehnte der deutschen Geistesgeschichte, welchem der Band Goethe 1790-1803 des Cambridger Literaturhistorikers gilt. Boyle hatte den ersten Teil seines Werks mit der ungewöhnlichen Geste begonnen, dass es für das übrige Europa, in dessen Mitte Weimar und Frankfurt liegen, an der Zeit wäre, sich für diesen Reichtum zu bedanken. Ein Dank also: auch das ist Boyles Werk über den Menschen, den Künstler, den Wissenschaftler, den Politiker Goethe vor dem sozialen, politischen und philosophischen Hintergrund seiner Zeit. "Ein biografisches Meisterstück!", rief George Steiner im New Yorker. Nun ist der zweite Band da, wieder das Resultat jahrelanger Forschung. Die Arbeiten des Herkules erscheinen als eine vergleichsweise bescheidene Mühe gegenüber der Darstellung des Kosmos, an die Boyle sich gewagt hat.

"Wahrscheinlich wissen wir über Goethe mehr als über irgendeinen anderen Menschen": gibt es einen sympathischeren ersten Satz für ein Opus, dessen erster Band fast tausend Seiten umfasste, dessen zweiter nun mit weiteren tausend Seiten vorliegt und das künftig noch knapp dreißig Lebensjahre Goethes zu bearbeiten hat? In Wirklichkeit tut dieses Buch so, als wüssten wir nichts, und auch das ist sympathisch. Boyle war klug genug, seine Arbeit ohne weitere Erörterung der unüberschaubaren Forschungsliteratur auf die Schultern von Riesen, seiner Vorgänger in der Goethe-Forschung, zu stellen.

Und bisweilen auch neben die Forschung. So hat er seiner Leserschaft das Gestrüpp an Anmerkungen und Querverweisen weitgehend erspart, das sonst auch dem Gutwilligsten die Begegnung mit Goethe verstellt.

Und wahrscheinlich hat er sich auch selbst weitgehend auf die Primärquellen beschränkt - die schmale Bibliografie und die unterschiedlich fundierte Kenntnis seiner Gegenstände deuten darauf hin. Boyle hat den direkten Zugang zu den Quellen gewählt, die er wörtlich nimmt, ohne sich - wie es in den Literaturwissenschaften üblich ist - bei ihrem Textcharakter, bei den hermeneutischen Problemen der Schriftlichkeit aufzuhalten. Der Kosmos der Texte ist für ihn so unmittelbar begehbar wie derjenige des Handelns, der Freude und des Leidens. Ein Werk, das sowohl die gesamte Forschung rezipiert als auch den Textcharakter ernster genommen hätte, hätte wohl kein Mensch zum Abschluss bringen können.