Alle Models wohnen am Union Square. Früher haben hier Crackdealer das schnelle Glück verkauft, jetzt ist die Gegend einfach nur noch trendy und teuer. Der neue Szene-Pub hier heißt Pub, der Musikgigant Virgin hat gerade einen Plattenpalast hingestellt, in dem es frisch gepressten Orangensaft gibt - natürlich darf man nicht rauchen. Und hier, mitten in Manhattan, wohnt der Mann, der den Models und Stars ihr Buch geschrieben hat. In Glamorama spielen mit: Naomi Campbell, Kate Moss, Winona Ryder, Keanu Reeves, Michael Douglas, Brad Pitt, Drew Barrymore und viele andere mehr. "Nein", sagt Bret Easton Ellis lächelnd, "ich kenne alle diese Leute nicht."

New York im Sommer ist die Hölle. Und wenn man es vor sich hat, den wohl skandalträchtigsten Autor der Welt zu treffen, schafft das auch nicht unbedingt Linderung. Neun Jahre hat Bret Easton Ellis geschwiegen. Neun Jahre, in denen er sich mit Drogenproblemen und einer gescheiterten Beziehung herumschlug, bis er sich mit Glamorama zurückgemeldet hat, einer völlig durchgeknallten Story über Supermodels, die zu Terroristen werden. Nur die Story-Sammlung Die Informanten ist zwischenzeitlich erschienen, aber die hatte er schon früher geschrieben. Vor fast einem Jahrzehnt hat sein American Psycho ihn mit gerade mal 25 zum Superstar des Bösen gemacht. American Psycho , das war ein Buch über einen Wall-Street-Broker, der tagsüber Geld scheffelt und nachts mit Schlagbohrmaschinen in Frauenleiber eindringt. Ein Buch, in dem Passagen stehen wie diese: "Ich nutze Bethanys schwachen Zustand, reiße ihr den Mund auf, schneide mit der Schere ihre Zunge heraus, halte sie in der offenen Hand, warm und noch blutend und viel kleiner als sie im Mund wirkte, und werfe sie an die Wand, wo sie einen Moment festklebt und einen Fleck macht, ehe sie mit einem niedlichen feuchten Plitsch zu Boden fällt. Dann ficke ich Bethany in den Mund, und nachdem ich abgespritzt habe, gebe ich ihr noch mehr Tränengas."

Das ist aber nur die eine Seite. American Psycho ist das vielleicht beste Buch der zweiten Jahrhunderthälfte. Die düstere Studie nicht nur der lustlos hedonistischen Yuppie-Jahre der Achtziger, sondern einer Welt, in der alle Sensationen gelebt, alle Wünsche erfüllt sind, die Sprache im Leerlauf durchdreht. Ein Schuss, schrieb einer, ins Herz der Gegenwart.

Dennoch: So ein ganz bisschen wahnsinnig muss man schon sein, um Gewaltexzesse mit derartiger Liebe zum Detail zu beschreiben. New York immerhin, die Sommerhölle, hat ein Einsehen und lässt den Himmel über sich in einem Gewitter zerplatzen.

"Angst vorm bösen Autor?", grinst Bret Easton Ellis zur Begrüßung. Ein Haus mit Portier. Ein riesiges Einzimmerapartment, minimalistisch eingerichtet. Ein breites Bett, darüber Regale mit wenigen Büchern - Will Self, Don DeLillo und das neue Buch vom Schweigen der Lämmer- Autor Thomas Harris über seinen sympathischen Menschenfresser Hannibal Lecter. Ein gelbes Sofa samt Tisch, ein Schreibtisch mit PC, die offene Küche ist durch eine Theke abgetrennt. Alles blitzblank.

Und natürlich kommt alles anders. Das schreibende Monster erweist sich als höflicher, fast besorgter Gastgeber. Ellis reicht dem nassen Gast ein Handtuch und ein Bier - natürlich light, es ist Amerika -, setzt ihn auf das gelbe Sofa, erkundigt sich nach dem Flug, rückt den Aschenbecher bereit und eilt beflissen davon, um eins seiner Hemden und für sich einen Cocktail zu holen.

34 ist Bret Ellis jetzt, und immer noch ein gut aussehender Mann. Früher, auf den Fotos, die von ihm kursierten, sah er aus wie ein Filmstar, und sicher hat auch das dazu beigetragen, dass er verwechselt wurde mit seinen Figuren, die die gleichen Anzüge tragen wie er. Jetzt hat der Konsum erste Spuren hinterlassen im Gesicht, haben Alkohol und Koks es weich gezeichnet. American Psycho hat Ellis neben einem Millionendeal fürs nächste Buch vor allem eine Reihe von Morddrohungen und damit verbunden eine ordentliche Paranoia eingetragen: "Ich hatte ein paar Attacken." Verstanden hat er den Streit bis heute nicht: "Die Kontroverse war lächerlich, und sie ging überhaupt nicht um das Buch. Sie ging um feministische Ideologie."

Der Bad Guy ist ein Moralist, der weiß, dass man eigentlich keiner mehr sein kann. Fast all seine Statements unterlegt Ellis mit einem ironisch-lausbübischen Lächeln, das Distanz schafft zum Gesagten, es vom Leib hält. Eigentlich findet er die Welt schlecht, wie sie ist, aber öffentliche Moralisiererei erscheint ihm unzeitgemäß und peinlich. Doch gerade die absolute Rücksichtslosigkeit seiner Bücher scheint ihm in ihrem Verzicht auf jede ethische Wertung selbst ethisch zu sein. Eine Moral der zynischen Verstörung ist das: "Ich glaube, ich bin sehr mora-lisch. Es liegt eine Art von Moral in meinem Schreibstil, in diesem nicht urteilenden Ton. Bücher, die dick herausstellen, dass ihre Autoren noble Personen sind, sind wertlose Kunst. Wo ist das Geheimnis? Wo der Spaß? Letztendlich glaube ich, dass das Verfassen eines Buchs immer ein moralischer Akt ist."

"Ihr, die Ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren", das ist der erste Satz aus American Psycho ; Dantes Inschrift der Hölle ist zu einem Graffito an einer New Yorker Häuserwand geworden. Am Ende des Buchs steht Bateman vor einem verschlossenen Notausgang. No exit . Alle Romane von Bret Easton Ellis spielen in der Hölle. In einer Welt, die nur aus Oberflächen und Außenseiten besteht. In der die Subjekte sich eine Identität allein durch die Labels ihrer Designersachen zuschreiben; nie erfährt man, wie jemand aussieht, nur, was er anhat. In Ellis' Welt gibt es keinen Sinn, keinen Glauben, keine Innerlichkeit und keine Liebe, in die man flüchten könnte. "Liebe", sagt Ellis mit seinem freundlichen Grinsen, "ist eine Falle, Sex ist Aggression." - "Und Freundschaft ...?" - "... ist Sex."

Bereits Ellis' erster Roman Unter Null schlägt all diese Motive an. Er hat ihn 1983 als 19-Jähriger geschrieben. In nur acht Wochen. Auf Speed. Wieder nüchtern, hat er gemeinsam mit seinem Professor vom Bennington College die 1000 schnellen Seiten auf 180 konzentrierte heruntergekürzt. Clay, ein braun gebrannter stinkreicher College-Boy, verbringt seine Sommerferien in Los Angeles gemeinsam mit anderen braun gebrannten stinkreichen College-Kids. Es ist heiß, sie schmeißen Drogen, feiern Partys, gehen wahllos und ohne Rücksicht auf das Geschlecht miteinander ins Bett. Smells like Teen Spirit . Einmal, auf einer Party, sehen sich die "Yuppie-Junkie-Postpunk-Video-Kids", so Village Voice, ein Sex-Video mit Folterszenen an. Kurz darauf wird ein zwölfjähriges Mädchen mit Heroin stillgestellt und dann von einem vergewaltigt. Die anderen überlegen, ob sie hier mitmachen sollen oder beim Video-Game im Nebenzimmer.

Die Sensationen löschen einander aus, der Extremismus des Genießens ist auf Dauer gestellt, deswegen ist er so langweilig. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen der realen, der Drogen- und der Videowelt. Und wenn es einen geben sollte, dann folgt daraus nichts. "Nur die Geburt ist real", sagt Ellis, "und der Tod. Die Gewalt ist real." Norman Mailer hat einmal bemerkt, er halte American Psycho für misslungen, weil das "Innenleben" des Mörders nicht ausgeleuchtet sei. Hubert Winkels weist in seinem Buch Leselust und Bildermacht zu Recht darauf hin, dass das Gegenteil richtig, Bateman ein Killer "mangels Innenleben" ist. "Die Gewalt", schreibt Winkels, "mit der Bateman fremde Körper überzieht, ist sicherlich die nach außen gewendete Gestalt seines eigenen Wunsches, buchstäblich beeindruckbar zu sein." Auf der Suche nach einem Innenleben dringt der Mörder in die Tiefe der Frauenleiber ein, um der Diktatur der sinnlosen Oberfläche zu entfliehen. In Glamorama übrigens taucht Bateman wieder auf. Vielleicht ist das der tragischste Aspekt in Ellis' geschlossenen Romanwelten: dass aus nichts etwas folgt, dass das Böse spurlos verlischt. "Glauben Sie an die Hölle?" - "Ja." - "Waren Sie da?" - "Ja."

Auch in der Hölle gibt es Sterne. Glamorama ist ein Panorama der Berühmtheiten. Neben den fiktiven Hauptfiguren schieben sich stets reale Stars ins Bild: Kaum eine Szene, in der nicht Gwyneth Paltrow mit Brad Pitt ihre Fingernagelpolitur erörtert, André Agassi mit den Spice Girls flirtet. In Amerika ist Glamorama bereits auf dem Markt, in Deutschland wird es Mitte September beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen. Victor Ward, männliches Model und Held des Romans, ist mit dem Supermodel Chloe Byrnes liiert, hat daneben diverse andere Affären. Er will einen coolen New Yorker Club eröffnen, der ganz seinem Lebensmotto folgt: " The better you look, the more you see !" Doch alles geht schief, Chloe schießt ihn in den Wind. Victor muss Manhattan verlassen, in Europa allerdings gerät er in die Fänge einer terroristischen Model-Organisation, die Sprengstoffattentate verübt. Zusätzliche Absurdität gewinnt die Story dadurch, dass permanent ein Kamerateam um Ward herumschwirrt und all seine Aktionen filmt. Ob dieser mediale Spiegel real ist, eine Metapher oder ob das Kamerateam nur in Victors drogenstimulierter Fantasie existiert, lässt der Roman völlig offen.

Die Welt ist eine Seifenoper.Glamorama ein Stück über die Medien. "Im amerikanischen Fernsehen haben sie den Kosovo-Krieg wie eine Mini-Serie inszeniert. Sie hatten einen Titelsong und einen Trailer: ,Tonight! At eight o'clock we go into Kosovo.' Wie in einem Film. Das Leben wird immer mehr fiktionalisiert. Auf Partys hier in Amerika gibt es immer einen mit einem Camcorder, der sagt: ,Oh, sag Happy Birthday zu Karen, sie ist da drüben.' Es wird überall Theater gespielt, auch wenn wir uns in dem befinden, was wir das reale Leben nennen."

Früher hat man Texte über Texte geschrieben oder Bücher über das Leben. Nichts von dem, was Ellis schreibt, ist autobiografisch. Er kommt aus einer stinknormalen Mittelklassefamilie aus einem stinknormalen Kaff namens Sherman Oaks, irgendwo bei Los Angeles. "Ich habe eine großartige Mom", sagt er. Und als vor wenigen Jahren sein Vater starb, hat ihn das völlig aus der Bahn geworfen. Er selbst arbeitet mit den Bürozeiten eines Angestellten, von zehn bis 18 Uhr. Der Stoff, aus dem Ellis seine Storys webt, liegt auf seinem Küchentisch - circa 40 Lifestyle-Magazine, von Maxim bis Vanity Fair. Vielleicht macht das Ellis als Gegenwartsdiagnostiker so einzigartig: Er beobachtet, wie die Bilder die Welt aufsaugen, beschreibt, wie Soap-Operas und Lifestyle-Magazine die Realität in einem Netz von Fantasmen einfangen.

Prominenz ist in Glamorama das Fantasma der westlichen Welt. Ist die Währung der späten Neunziger. "Du kannst ganz leicht berühmt werden", meint Ellis, "wenn du berühmte Leute kennst oder nur sagst, dass du sie kennst." Mit derselben Akribie, mit der er in American Psycho die Designernamen und Labels auflistete, die Währung der Achtziger, setzt er jetzt die Stars oder besser ihre Namen in seinem fiktiven Panorama des Ruhms in Szene. Namen sind die Kreditkarten, die Zutritt gewähren zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Zahlen Sie doch einfach mit Ihrem guten Namen.

Es ist lächerlich, natürlich. Wenn Glamorama vielleicht auch nicht die kalte Wucht des Vorgängers hat, so erweist der Roman doch vor allem eines: Ellis ist ein glänzender Satiriker. Die ganze Geschichte ist aus der Perspektive von Victor Ward geschrieben, und der ist so eitel wie strohdoof. Als Victor Schindlers Liste sieht, fällt ihm ein: "Erstens, die Deutschen waren nicht allzu cool. Zweitens, Ralph Fiennes ist fett. Drittens, ich brauch' mehr Stoff." Und wenn auch wieder bestialische Bombenattentate geschildert werden, so ist doch die eigentliche Gewalt, der der Leser sich ausgesetzt sieht, die einer völlig sinnentleerten und daher todtraurig komischen Kommunikation. Einer Sprache, die ohne Absicht und Zweck, ohne Erinnerung, Utopie und Adressat in die Irre läuft und letzten Halt findet in der Nennung eines Namens. Doch die Namen selbst sind völlig austauschbar. Sie bezeichnen keine Personen, sondern höchstens Pin-ups. Und vielleicht nicht mal das. Die Sprache hat sich von den Dingen abgelöst. Tod, Leid, Schmerz sind in ihr nicht mehr benennbar. ",Er hat Aids', sagt Damien. ,Er wird nicht mehr lange hier sein.' Ich starre Damien an, der das bemerkt. ,Das ist eine Blutkrankheit', sagt er. ,Es ist so eine Art Virus. Ich bin sicher, du hast schon mal davon gehört.' ,Oh, ja', sage ich unsicher." No exit .

Bret Easton Ellis ist ein freundlicher Mann. Ein Gentleman, der ein Lausbub ist. Ein zynischer Moralist. Der letzte Satiriker. Als der große Mann mit seinen fast femininen Bewegungen den Gast am Aufzug verabschiedet, erzählt er, dass er die Nachtseiten der Prominenz am eigenen Leib erfahren hat: "Als ich einen Zusammenbruch hatte, fragte mich mein Psychiater: ,Existiert Bret Easton Ellis eigentlich noch?' Und ich sagte: ,Nein. Bret Easton Ellis existiert in Magazinen und Zeitungen. Wenn die Leute Fotos von mir sehen, sehen sie Bret Easton Ellis, der wirklich nicht ich bin. Der nie ich sein kann. Ich bin Bret Ellis. Um mich zu kennen, muss man mit mir abhängen, ein Freund sein, was auch immer. Was man sieht, ist nur das Image. Man stirbt ein bisschen. Prominent sein ist ein bisschen wie sterben ...'" Prominenz macht wohl ein bisschen schizophren. Und wer von den beiden war das heute? Bret Easton Ellis oder Bret Ellis? Das Image oder der Mensch?

Wieder auf der Straße. Der Himmel über New York hat sich beruhigt, es regnet nur noch sanft. Ein Taxi fährt vorbei, auf dem für ein Musical geworben wird: Les Misérables . Gut, dass die Welt so schlecht ist. Sonst gäbe es Bret Easton Ellis' Texte nicht.