Als ich zur Welt kam, war das Logo noch schwarz-weiß. Die Tagesschau gab es schon, aber Karl Heinz Köpcke trat erst in diesem Jahr in Erscheinung. Die Erfindung von Mr. Tagesschau (13 Anzüge, 40 Krawatten) ist genauso alt wie ich. 1964, als mein jüngster Bruder geboren war, meldete der zehnmillionste Fernsehbesitzer sein Gerät an. Zu uns kam die Welt erst 1966 ins Heim. Das heißt, für uns Kinder nicht eben die Welt, aber immerhin Flipper und Fury, die Blechbüchsenarmee der Augsburger Puppenkiste, nicht zu vergessen Clementine von Ariel und manchmal das All, aus dem Cockpit der Raumpatrouill e oder in Begleitung von Neil Armstrong, dem Mann auf dem Mond. Wir saßen in Schlafanzügen im Wohnzimmer und durften aufbleiben, wie an Silvester. Als ich das Elternhaus verließ, gaben auch die Bonanza -Brüder ihren Abschied vom Bildschirm.

Wir Fernsehkinder: Ist damit wirklich eine Generation benannt? Wie prägten Frühschoppen und Sportstudio die Verständigung zwischen den Vätern und Söhnen des Wirtschaftswunders? Hat die Frauenbewegung von Carmen Thomas, der ersten Sportmoderatorin, profitiert - oder war es umgekehrt? Veränderten die Hesselbachs, Ekel Alfred und die Bewohner der Lindenstraße das deutsche Familienbild? Welche Folgen hatten Monitor und Panorama für das politische Selbstbewusstsein der Bundesrepublik? Und was unterscheidet eine Kindheit mit DDR-Sandmann von der mit ARD-Sandmännchen?

Wie ein Seismograph macht sie die öffentliche Befindlichkeit lesbar. Eine Mediathek als Schaubude und Programmgedächtnis könnte die Sternstunden des Dampfradios und der Flimmerkiste vergegenwärtigen, seit jener Zeit, als "aus dem Kreis der Familie ein Halbkreis geworden" war (Robert Lembke).

Im politischen Gerangel droht die Mediathek zu verröcheln

Ob New York, Los Angeles, London oder Paris: Rundfunkmuseen und Mediatheken sind dort längst für jedermann zugänglich. Nicht so in Deutschland. Die Sender haben Archive, aber nur für ein Fachpublikum. Was es gibt, und zwar schon lange, ist die Idee zur Mediathek. Sie stammt von Eberhard Fechner, der eines Tages feststellen musste, dass seine alten Sendungen überspielt worden waren. 1987 formierte sich eine Arbeitsgruppe in der Berliner Akademie der Künste, seit 1994 unterstützt der Berliner Senat mit jährlich gut 300 000 Mark das Gründungsbüro unter Leitung des ehemaligen Rias-Intendanten Helmut Drück. "Ein Glasperlenspiel von hoher gesellschaftlicher Relevanz will inszeniert sein", notierte Walter Jens den Gründern ins Stammbuch.

Ein Plan, den alle begrüßten. Die Mediathek sollte im Jahr 2000 in das neue Filmhaus auf dem Sony-Gelände am Potsdamer Platz einziehen, gemeinsam mit der Kinemathek, dem Filmmuseum, den Arsenal-Kinos und der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Ein trefflicher Ort für das audiovisuelle Erbe der Republik: 1923 wurde hier, aus dem Vox-Haus, die erste Rundfunk-Unterhaltungssendung ausgestrahlt. Das vorgesehene Jahresbudget für die Mediathek: gut acht Millionen Mark.

Eine bescheidene Summe. Dennoch ist die Realisierung des Plans bisher an dieser Summe gescheitert. Im Gerangel zwischen Kultursenat und der für Medienfragen zuständigen Senatskanzlei, zwischen Berlin und konkurrierenden Standorten, zwischen Gründern, Rundfunkkommissionen und zu beteiligenden Sendern kam eine verbindliche Trägerschaft für das Prestige-Projekt bis heute nicht zustande. Über Jahre schob man sich wechselseitig den Schwarzen Peter zu. Die ARD wollte ihre Archivalien, nicht aber Geld einbringen. Die übrigen Sender fürchteten ARD-Dominanz, die Privaten wollten erst zusagen, wenn die Öffentlich-Rechtlichen in die Pflicht genommen sind. Die einen kritisierten das museale Konzept, die anderen appellierten an den Bund, dessen Kulturausschuss die Mediathek kürzlich immerhin zur "nationalen Aufgabe" erklärt hat. Auch Kulturstaatsminister Naumann unterstützt die Idee - mit Worten, nicht mit Taten. Das alte Föderalismus-Problem: ein gesamtstaatliches Anliegen, aber klar. Nur kosten darf es nichts.