Das Mädchen, welches Juliette Lewis hier darstellt, ist nicht so sehr eine Figur aus einem Drehbuch, sondern mehr ein Windhauch aus einem Traum von Woody Allen. Juliette Lewis hat ihn eingefangen, diesen Hauch. Sie ist sogar noch dünner, dunkler und zerrissener als in Allens Fantasien. Ihre Augenbrauen sehen aus wie der Versuch eines Vierjährigen, einen geraden Strich zu zeichnen. Ganz deutlich sind die Narben in ihrem Gesicht zu sehen, eine neben dem linken Auge und eine auf der Braue. Ihre Oberlippe sieht aus wie mit Schulterpolstern gefüttert, die Hände sind ständig in Bewegung, sie führt sie zum Mund, als wollte sie sagen Gib mir was zu essen!½, und unausgesetzt spielt sie mit den Haaren. Schon in diesem Film zeigt sie einen Hang zum Manierismus, zu typischen Schauspielertricks. Ein flirtender Zappelphilipp. Diese Gesten sind ähnlich schwindelerregend wie Woody Allens Spiel mit Worten, es ist, als hätte er sie damit angesteckt.

Juliette Lewis ist achtzehn, als sie bereits zwei großartige Rollen hinter sich hat, das schmollende Südstaatenkind und die Donna Tartt von morgen. Was sollte noch kommen? In dem Roadmovie Kalifornia spielt sie die Freundin eines Serienkillers. Sie ist infantil, ziemlich zurückgeblieben, und sie hat einige hübsche Szenen. Als sie aus einem Auto aussteigt und den Wind auf der Haut fühlt, der einen großen Sturm ankündigt, da trifft sie genau das nachlässige, leicht autistische Schwanken, wie eine Marionette, die gerade in den Schrank gehängt wurde. Sie redet wie jemand, der die Regeln, nach denen ein Satz zustande kommt, jedes Mal neu für sich erfinden muss (Ist Karma etwas Französisches?½). Am Schluss wird sie erschossen, genau wie in Romeo is bleeding, einem sehr schlechten Film mit Gary Oldman, in dem sie stirbt, ohne als Figur jemals gelebt zu haben. Nymphen wie sie geben hübsche Leichen ab.

Drogen haben mich zerstört. Ich wollte sterben.½

Juliette Lewis sagt mit Recht, dass sie froh ist um den Film Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa

eine von dem Schweden Lasse Hallström inszenierte Feuerpause in ihrer Karriere. Ausnahmsweise wird sie nicht getötet, und sie spielt auch keinen Killer. Sie stellt sich der seltenen Herausforderung, ein normales, nettes Mädchen bemerkenswert zu machen. Und es gelingt ihr.

Wahrscheinlich auch deshalb, weil es der beste Film ist, in dem sie die Chance hatte mitzuspielen: die zärtliche Beobachtung des eindruckslosen Daseins von Jugendlichen im ländlichen Iowa. Ein Film wie aus Kindertagen, so schlicht und schön wie eine alte Freundschaft oder eine Bach-Kantate.

In dem brutalen Schnittfeuerwerk Natural Born Killers und dem im Original indizierten From Dusk Till Dawn geht es dann wieder weiter mit dem Massaker.