Erinnern Sie sich noch an die Asienkrise? Nein? Dann sind Sie in bester Gesellschaft. Auch im Fernen Osten tut man alles, um den Crash von 1997 zu vergessen. Die Koreanerinnen, die in der Währungskrise ihr Gold opferten, entschädigen sich heute mit Parfum und Haute Couture: Lanvin meldet in Seoul Umsatzzuwächse um bis zu 50 Prozent. Gute Nachrichten auch aus Hongkong: Im Jahr zwei nach Asienkrise und Übergabe an China vergrößert Cartier die Niederlassung und verkauft seine Geschmeide jetzt auf drei Etagen. Der französische Feintäschner Louis Vuitton registrierte im ersten Quartal gar asienweit 40 Prozent mehr Umsatz.

Gleichzeitig wird fleißig gearbeitet: Auf dem Flughafen in Singapur summt und brummt es wie vor der Krise. Die Exportindustrie in Korea, Thailand und Malaysia schnurrt wieder mit Zuwachsraten zwischen vier und neun Prozent. Auch beim Bruttosozialprodukt sehen die Experten jetzt nicht mehr so schwarz wie früher: So korrigierte die Londoner Denkfabrik Consensus Economics, die Prognosen von 130 Ökonomen auswertet, ihre Wachstumserwartungen nach oben (siehe Grafik nächste Seite). Für fast alle Volkswirtschaften der Region ermittelte das Institut höhere Werte als noch vor drei Monaten.

Die angeschlagenen Banken bremsen den Aufschwung

Ganz so weit ist es leider nicht. Die Konsumwut ist nicht flächendeckend, die Armen sind durch die Krise noch ärmer geworden. Die Wachstumsraten sind weit geringer als vor der Krise - und gehen von niedrigerem Niveau aus. Die Anleger inflationieren zwar die Börsen - aber auch deshalb, weil Anleihen kaum Rendite bringen. Doch trotz niedrigster Zinsen können Unternehmen nicht investieren. Denn Asiens kranke Banken trauen sich nicht mehr, Geld zu verleihen.

Schon kündigt sich an den Aktienmärkten zwischen Tokyo und Jakarta eine Korrektur an. Und das ist richtig so. Die Krise ist noch nicht beendet, und ohne Leidensdruck wird sich die Region nicht reformieren. Jetzt mit der Therapie innezuhalten hieße, den Herzpatienten mit einer Beruhigungsspritze nach Hause zu schicken. Das Herzrasen hat nachgelassen, aber die Ursachen sind nicht kuriert.

Thailand ist das beste Beispiel. Die Freigabe der heiß umkämpften Landeswährung Baht markierte im Juli 1997 den Auftakt der Krise. Die thailändische Währung und der Aktienmarkt gehörten zwar zu den ersten in der Region, die sich wieder stabilisierten. Doch die These "first in, first out", die die Finanzanalysten eilfertig für Thailand ausgaben, erwies sich als zu optimistisch. Heute gehen Experten wie Klaus Bernecker von der Deutschen Bank Research eher davon aus, dass Thailand "mehr Zeit braucht als die anderen Krisenländer".

Aus der Realwirtschaft gibt es nur vereinzelte Hoffnungsschimmer: BMW baut ein Automobilwerk, Procter and Gamble eine Seifenfabrik. Die Tatsache, dass es in Thailand bisher noch keinen einzigen Konkurs gab, könnte ebenfalls hoffnungsfroh stimmen. Doch in Wirklichkeit ist es eher ein schlechtes Zeichen - bis vor fünf Monaten fehlte für Firmenpleiten schlicht die rechtliche Grundlage. Erst das neue Konkursgesetz ermöglicht nun die Bereinigung des Marktes und hilft Gläubigern, ihre Schulden mit Nachdruck einzutreiben.