Als Gustav von Schmoller den Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre Anfang dieses Jahrhunderts zum Druck freigab, durfte er mit einigem Recht vermuten, dass sein Werk für künftige Ökonomengenerationen zum "Klassiker" werden würde. Schließlich galt der Berliner Professor der Staatswissenschaften zu seinen Lebzeiten als Übervater der deutschen Ökonomie. Er war das Haupt der "Jüngeren Historischen Schule" und einer der führenden Köpfe der "Kathedersozialisten", die sich insbesondere mit sozialen Fragen befassten und für Sozialreformen eintraten.

Als einflussreicher Wissenschaftsorganisator hatte Schmoller (1838-1917) dafür gesorgt, dass Vertreter anderer Richtungen an deutschen Universitäten nur schwer Fuß fassen konnten. Doch sehr bald nach seinem Tod verblasste Schmollers Ruhm zunächst einmal. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg trat die von ihm vehement bekämpfte neoklassische Modellökonomie mit Rückenwind aus den angelsächsischen Ländern in Deutschland ihren Siegeszug an. Das Schaffen des gelehrten Schwaben galt vielerorts als Tiefpunkt des ökonomischen Denkens, der Grundriß, dessen erster Band 1900 und dessen zweiter Band 1904 erschienen war, gar als abschreckendes Beispiel. Noch heute gehört es bei manchen Ökonomen zum guten Ton, sich abfällig über das mehr als 1000 Seiten starke Alterswerk Schmollers zu äußern. Gelesen hat es indes kaum jemand.

Seine Beobachtungen und Erklärungen setzen bei Einzelerscheinungen an. Von dieser Grundlage aus kann er schrittweise auf allgemeine Zusammenhänge schließen. Ein "letztes einheitliches Gesetz volkswirtschaftlicher Kräftebetätigung", das unabhängig von der konkreten historischen, politischen und gesellschaftlichen Situation gilt, kann es jedoch nicht geben. Schmoller ist überzeugt, dass die Menschen bei ihren wirtschaftlichen Handlungen nicht allein vom Erwerbstrieb gelenkt werden. Sie seien immer auch bestrebt, "gut" zu handeln, um sich die Anerkennung der Gemeinschaft zu sichern und Strafen zu vermeiden. Die "Gewohnheiten des Rechts, der Sitten und der Moral" begegneten ihnen dabei in Form von Institutionen. Wirtschaftlicher Fortschritt setze institutionellen Wandel voraus.

Schmollers Überlegungen machen vor den sozialen Konflikten seiner Zeit nicht Halt. Als sozialpolitisch engagierter Bürger fürchtet er beides: den ungehemmten Kapitalismus und eine rote Revolution. Er sieht nur eine Wahl: "Entweder man drückt die ganze Arbeiterwelt wieder auf das Niveau von rechtlosen Sklaven und Hörigen herab, und das ist unmöglich, oder man erkennt sie als gleichberechtigte Staatsbürger an, hebt ihre geistige und technische Bildung, läßt sie sich dann aber auch organisieren, räumt ihnen den Einfluß ein, den sie brauchen, um ihre Interessen zu wahren."

Im Grundriß bekräftigt Schmoller, was er bereits zuvor immer wieder gefordert hatte: Der Staat soll die miteinander im Streit liegenden gesellschaftlichen Gruppen durch Reformen und eine gezielte Sozialpolitik versöhnen. Damit formuliert der Berliner Kathedersozialist bereits im Kaiserreich einen Gedanken, auf dem alle modernen Wohlfahrtsstaaten aufbauen - in dieser Hinsicht zeigte er einen erstaunlichen Weitblick.

Mit den Fakten, die er in seinem Alterswerk gewissenhaft anhäuft, können heute hingegen nur Wirtschaftshistoriker etwas anfangen. Dennoch - in die Rumpelkammer des ökonomischen Denkens gehört der Grundriß nicht. Längst messen die meisten Ökonomen dem Werk Schmollers wieder eine herausragende Bedeutung bei. Viele Wissenschaftler widmen sich erneut der Forschung, wie Institutionen, Normen und Werte das wirtschaftliche Handeln beeinflussen. Das sind die Fragen, die Gustav von Schmoller schon zu Beginn dieses Jahrhunderts stellte.

Gustav von Schmoller: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre Unveränderter Nachdruck der Auflage von1923, Duncker & Humblot, Berlin 1978; 98 Mark