Auch früher war Egoismus nie ein Fremdwort in der Europäischen Union. Immer schon haben manche Minister und sogar Regierungschefs die Durchsetzung ihrer nationalen Interessen in europäischen Gremien zu Hause als bedeutende Siege gefeiert - Maggie Thatcher war darin Meisterin. Aber kaum jemals in den letzten drei Jahrzehnten haben ein französischer Staatspräsident und ein deutscher Kanzler den Eindruck zugelassen, für sie sei ein spezifisches Interesse ihres Landes (oder ihrer eigenen Wähler) in der einen oder anderen agrar-, finanz- oder personalpolitischen Frage wichtiger als der Fortschritt der europäischen Integration insgesamt. Dergleichen darf nicht zur Gewohnheit werden!

Seit 1989 die deutsche Wiedervereinigung in Sicht kam, sind Paris und Bonn langsam auseinandergedriftet. Kohl nahm damals auf französische Empfindlichkeit keine ausreichende Rücksicht; Mitterrand widersetzte sich - gemeinsam mit Thatcher - der Vereinigung. Nachdem diese gleichwohl im Zwei-plus-Vier-Vertrag zustande gebracht war, wurde der Eindruck erweckt, als Preis müsse Deutschland die D-Mark opfern. Tatsächlich war die gemeinsame europäische Währung seit Jahrzehnten angestrebt und schrittweise vorbereitet. Jetzt aber setzten der deutsche Finanzminister und der Bundesbankchef ihr eigenes geldpolitisch-ideologisches Konzept mit Härte durch: Die Europäische Zentralbank ist gemäß dem Maastrichter Vertrag die unabhängigste Zentralbank der globalen Wirtschaftsgeschichte. Aber nach der Unterschrift verlangte Deutschland Frankfurt als deren Sitz, "oder wir machen die ganze Sache nicht". Kleine und größere politische Gedankenlosigkeiten, Taktlosigkeiten und auch Nadelstiche von beiden Seiten haben sich seit der Maastricht-Krise gehäuft. Nationalistisch-engstirnige Publizisten und Medien verbreiten Misstrauen, so in Frankreich, in Deutschland, in England.

Eine gefährliche Entwicklung! Denn ohnehin ist Deutschland den meisten Franzosen seit 1990 unerfreulich groß geworden und die deutsche Wirtschaft unerfreulich mächtig. Auch der uns Deutschen inzwischen selbstverständliche Umzug von Bonn nach Berlin hat Besorgnisse ausgelöst. Gegenseitiges Vertrauen und enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland liegen aber im wohlverstandenen nationalen Interesse, im strategischen Interesse beider Nationen. Deutschland in einen größeren Verbund einzubinden war, seit dem Schuman-Plan 1950, eines der beiden strategischen Ziele der europäischen Integration. Das andere strategische Motiv war die gemeinsame Abwehr der sowjetischen Expansion und des aus Moskau gelenkten Kommunismus; dieses Motiv ist seit einem Jahrzehnt obsolet. Adenauer akzeptierte bereits Anfang der fünfziger Jahre die wirtschaftliche und politische Einbindung Deutschlands, keiner seiner Nachfolger hat sie in Frage gestellt. Seit mindestens einem Vierteljahrhundert haben die Staatslenker Frankreichs akzeptiert, dass diese Strategie nur bei gleichartiger Selbsteinbindung ihres Landes möglich bleibt.

De Gaulle hatte zwar einen französischen Führungsanspruch für Europa behauptet, gleichwohl hat sein Élysée-Vertrag 1962 über enge politische Zusammenarbeit mit Deutschland gute Früchte getragen. Unter Pompidou und Brandt entwickelte sich die Zusammenarbeit noch verhalten. Unter Giscard d'Estaing und mir kam sie voll zur Geltung - man wird für die gemeinsamen sieben Jahre in den Archiven keine Meinungsverschiedenheiten zwischen uns beiden finden, wohl aber eine Anzahl von erfolgreichen gemeinsamen Initiativen. So blieb es auch zwischen Mitterrand und Kohl, jedenfalls bis 1989. Das Tandem Paris-Bonn, die bonne entente (Giscard d'Estaing) war über viele Jahrzehnte nicht nur das Fundament der europäischen Integration, sondern auch ihr Motor.

Helmut Kohls Wort, bei der europäischen Integration gehe es um Krieg oder Frieden, mag etwas zu dramatisch gewesen sein, aber im Prinzip hat er Recht: Wenn es zum Stillstand der Integration kommen sollte, wenn dieser Stillstand gar von uns Deutschen mitverschuldet würde, wenn die Europäische Union verwässert werden sollte zu einer bloßen Freihandelszone vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer plus einigen zusätzlichen institutionellen Randverzierungen, dann ist für später eine politische Isolierung Deutschlands nicht mehr auszuschließen. Das würde in der Tat große Gefährdungen mit sich bringen, denn einige unter Deutschlands neun unmittelbaren Nachbarn, die alle nach Einwohnerzahl und Sozialprodukt deutlich kleiner sind als wir, würden auf die eine oder andere Weise enger miteinander kooperieren wollen als mit uns. Ein gefährliches intraeuropäisches Gleichgewichtsspiel nähme abermals seinen Anfang. Wenn unsere Nachbarn - in Zukunft werden sie alle Mitgliedsstaaten der EU sein - uns misstrauen und außerdem die Leistungsfähigkeit Deutschlands überschätzen sollten oder wenn wir selbst unsere Kräfte überschätzen sollten - in beiden Fällen drohte uns Unheil.

Deutschlands Einbindung in die EU ist eine Lebensnotwendigkeit

Wer als Deutscher die europäische Geschichte der letzten zweihundert Jahre - Napoleon, Bismarck, die beiden Weltkriege und die unsäglichen Naziverbrechen - in seinem Bewusstsein hält, für den kann es keinen Zweifel geben: Die dauerhafte Einbindung Deutschlands in den europäischen Einigungsprozess liegt im wohlverstandenen patriotischen, im langfristigen strategischen Interesse der Deutschen, sie ist eine Lebensnotwendigkeit. Sie liegt desgleichen im vitalen Interesse unserer französischen Nachbarn (und notabene: ebenso im vitalen Interesse der Polen). Sie kann aber nur dann dauerhaft gelingen, wenn auch die französische Nation sich in gleicher Weise einbindet, gleichfalls aus wohlverstandenem französischen Patriotismus. Dies hat Jean Monnet gewusst, ebenso Giscard d'Estaing, ebenso Mitterrand, ebenso Jacques Delors.