Den bislang grundsätzlichsten Beitrag zum Thema Ladenschluss und Sonntagsruhe hat der Vorstandsvorsitzende der Kaufhof AG, Lovro Mandac, geliefert. Er kann überhaupt nicht verstehen, warum der Kölner Erzbischof, Kardinal Meisner, sich so über die Sonntagsöffnung von Geschäften aufregt. Der Kardinal beschäftigt am Sonntag doch auch Priester. Die bieten in den Kirchen einen Service an. Kaufhof bietet ebenfalls einen Service an. Wo liegt da der Unterschied?

Es ist ein seltsames Gefühl von Hilflosigkeit, das den etwas altmodischeren Zeitgenossen angesichts einer solchen Äußerung beschleicht. Die erste Reaktion mag sein: Dem Flegel gehört einfach eine gescheuert. Oder, weniger vital, schon ein bisschen kulturpessimistisch angekränkelt: Was für ein degoutanter Barbar! Aber dann kommt dieses lähmende Gefühl, dass man gar nicht mehr dieselbe Sprache spricht. Und dass die Sprache von Herrn Mandac vielleicht schon längst die Sprache der Mehrheit ist.

Brauchen wir die Freiheit des Dauereinkaufs?

Um ehrlich zu sein: Wir hören jedes Wort gern, das sich gegen die Mandacs dieser Welt richtet. Die Frechheit, mit der sich ein rechtsbrüchiger Warenhausfilialleiter auf dem Alexanderplatz als Vorbild an Zivilcourage feiern lässt, die Selbstentwürdigung von Leuten, die sich pünktlich zum zehnten Jubiläum der Revolution von 1989 nun endlich auch die Freiheit des Dauereinkaufs erkämpfen wollen, das Öl der Liberalitätsrhetorik, mit der diese ganze halb banale, halb schäbige Sache von Dutzenden von Kommentatoren gesalbt wurde, als stehe mit den offenen Läden die offene Gesellschaft auf dem Spiel - das alles ist im höchsten Grade abstoßend. Und wenn einem dann entgegengehalten wird, diese Kritik sei elitär und undemokratisch, sie wolle das Volk bevormunden und zu seinem Glück zwingen - dann kann man recht gelassen auf eine Meinungsumfrage verweisen, nach der zwei Drittel der Deutschen den freien Verkauf am Sonntag ablehnen.

Worum es beim Sonntag geht, ist noch ein bisschen mehr als bloß die christlich-abendländische oder jüdisch-christliche Tradition. Alle Völker und Religionen kennen den Wechsel von Alltag und Fest, von Arbeit und Kult. Die Gliederung des Tages-, Wochen- und Jahreslaufs durch Zäsuren und Haltepunkte, die Zusammenkunft an festgelegtem Ort zu festgelegter Zeit, ob nun zum Opfer, zum Karneval oder zum Tanz unter der Linde - das ist so typisch für die menschliche Kultur, dass es schwer fällt, sich die Kultur oder den Menschen ohne das alles vorzustellen. Zum Fußball zum Beispiel gehört es, dass am Sonnabend gespielt, zugeschaut, ferngesehen wird; wenn inzwischen zwei Bundesligatreffen am Sonntag stattfinden, auch zwei, drei am Freitag, mit freiem Übertragungsrechtehandel statt des Monopols der Sportschau - dann ist der Fußball als Nationalereignis schon halb tot. Es sind kollektive Rhythmen, um die es hier geht - daher steckt auch in der scheinbar spießigen Feierabendseligkeit der Gewerkschaften eine anthropologische Einsicht. Eine Gesellschaft, in der es keine gemeinsamen Lebensrhythmen mehr gibt, in der das Wechselspiel von Arbeit und Freizeit nur noch individuell geregelt wird, ist jedenfalls ein historisch beispielloses Experiment.

Dabei ist der Individualismus nicht die einzige Entwicklung, die in Deutschland an der Feiertagskultur kratzt. Die zweite ist die Wiedervereinigung, die das laue Halb- und Restchristentum im Westen mit der fast kompletten Religionslosigkeit des Ostens konfrontiert; es ist kein Zufall, dass die Schauplätze des Sonntagskampfs am Berliner Alexanderplatz, in Halle oder Dessau liegen. Der dritte Faktor schließlich ist der Multikulturalismus. Was sollen die Muslime in Kreuzberg mit der Sonntagsruhe anfangen? Es wäre übrigens eine interessante Frage, ob sie lieber in einem Land leben möchten, das von den Usancen einer anderen religiösen Tradition geprägt wird - oder in einem, in dem die Religion überhaupt keine öffentliche Rolle mehr spielt.

Die Auslieferung des Sonntags an die Welt von Angebot und Nachfrage würde das Leben, anders als viele meinen, nicht reicher und interessanter machen, sondern im Gegenteil öder und ärmer; ein Stück Buntscheckigkeit im Zeitmuster wäre verschwunden - etwa so, wie wenn die Länder und Regionen sich nicht mehr unterschieden, sondern sich überall eine Einheitsbundesrepublik breitmachen würde, eine perfekte, aber vollkommen synthetische Mischung aus Wolfsburg und Tegernsee. Das scheinbare Grau der Sonntagsstille bildet zur lärmenden Farbigkeit des modernen Alltags einen durchaus aparten Kontrast. Eine junge Spanierin, die in Berlin lebt, hat auf die Frage nach ihrer Meinung zu dem neuen deutschen Debattenthema erklärt, sie sei dafür, dass die Läden zublieben: "Ein bisschen langweilig muß es schon sein am Sonntag." Das klingt seltsam, aber es trifft genau den Punkt, um den es geht: um den institutionalisierten Luxus des Stillhaltens in einer Welt, in der die Zerstreuung billig ist. Nur eine Zwangspause kann verhindern, dass die integrierte Arbeits- und Spaßgesellschaft total wird.