Der 91-Jährige zieht genüsslich an einer Zigarre. Eigentlich, sagt er, hätte er einen Mann erwartet. Seine Augen bekommen ein lebhaftes, verschmitztes Funkeln. Im Gegensatz zu anderen Menschen hat die Jugend und nicht das Alter sein Gesicht gezeichnet. Eine Knabenstatue steht neben dem Sofa, das Gemälde an der Wand zeigt zwei nackte Jungen. Fast wirkt die Wohnung des Hamburger Kunsthistorikers in Blankenese wie ein Museum, hätte sie dafür nicht etwas viel zu Persönliches.

Christian Isermeyer blickt hinaus auf die Elbe, die nun am Nachmittag Wellen wirft, und viel weiter. Zurück auf ein Leben, das nie ruhig verlaufen war. Solange er denken kann, gab es den Paragrafen 175. Der sollte sein Leben prägen und seine Liebe zu Männern strafbar machen. Bis 1969 stand der Paragraf in der aus der nationalsozialistischen Zeit stammenden Form im bundesdeutschen Gesetzbuch. Dass sich das vor 30 Jahren änderte, daran sind Christian Isermeyer und seine Geschichte nicht unbeteiligt.

Als Christian Isermeyer noch ganz klein war und das Jahrhundert jung, damals in Goslar, wo er mit der strengen Mutter und dem Vater aufwuchs, der lieber in den Herrenclub ging als mit der Frau ins Theater, da ahnte er noch nicht, dass ein Paragraf ihn bis ins hohe Alter verfolgen sollte. Schon damals ärgerte er sich über eine Vorführung der Zauberflöte. Die Mutter hatte ihm von drei Knaben erzählt, die eine Rolle in der Oper spielten - auf der Bühne standen stattdessen nur drei dicke Sopranistinnen.

Er kannte Günther Freytag, wie viele andere im Berlin der frühen dreißiger Jahre. Er hatte ihn bei einem jüdischen Mitstudenten getroffen, "was mich natürlich doppelt belastete". Der Beamte schickte ihn trotzdem wieder nach Hause, und Christian Isermeyer hörte nie wieder etwas von der Gestapo in der Sache "----". Denn Günther Freytag hatte auch Kontakt zu SA-Männern gehabt. "Dieser reizende Junge schwirrte so rum in Berlin, ging von Bett zu Bett." Viele der Oberen der Nationalsozialisten waren schwul, sagt Christian Isermeyer. Heute vermutet er, dass deshalb das Verfahren eingestellt wurde. Das war noch vor 1935, als der Paragraf 175 verschärft wurde und schon "wollüstige Absicht" zur Verurteilung führen konnte. Die Verfolgung nahm sprunghaft zu. 1933 waren 674 Männer verurteilt worden, 1936 über 5000, in den folgenden Jahren jeweils etwa 8000.

Als Christian Isermeyer 1934 ein Stipendium der Kunstgeschichte für Italien bekam, hatte er abermals Glück. Ab 1933 schlossen in kürzester Zeit schwule Bars in Berlin, die er in sehr jungen Jahren noch kennen gelernt hatte. "In den zwanziger Jahren gaben sich Leute für schwul aus, die es gar nicht waren. Weil es schick war." Elegant gekleidete Männer nahmen ein Heißgetränk in den Nachtlokalen und tanzten Arm in Arm. Bald aber sollte es nur noch private Treffen geben, und auch die waren von der Angst gezeichnet, dass einer der Freunde verhaftet werden und man im Adressbuch stehen könnte.

Für Schwule hatte jede Zeit ihre Angst parat.

Christian Isermeyer blickt auf eine Zeichnung, die eingerahmt, aber nicht aufgehängt auf der Couch steht. Sie zeigt in groben Strichen einen Freund, der an Aids starb, mit dem er in den achtziger Jahre hier in Blankenese gelebt hatte. Es ist schon seltsam, sagt er. Jede Zeit hatte für Schwule ihre eigene Angst parat. Als Christian Isermeyer mit dem wesentlich jüngeren Freund noch mal nach St. Pauli gegangen war, in eine Disco, tanzten die Männer alle allein vor den Spiegeln.