Dies ist die Begegnung mit Elisabeth Schlepplauer, einer Frau aus dem bayerischen Käufelkofen, bei Landshut. Seit fast zwanzig Jahren tut Elisabeth Schlepplauer Dienst in der Behörde einer süddeutschen Grenzstadt. Sie ist Beamtin. Ihr Name und ihre Herkunft wurden ein wenig verändert, um die 41-jährige Frau vor Sanktionen seitens ihres Arbeitgebers und ihrer Kolleginnen und Kollegen zu schützen, denn im Folgenden wird Elisabeth Schlepplauer sich zum verbreiteten Phänomen der Faulheit am Arbeitsplatz äußern. Einer Art Flucht nach innen, der depressive Symptome anhaften können und derentwegen Menschen sich schlecht fühlen, ja, geradezu kriminell. Sie haben Schuldgefühle und tun es dennoch: nämlich nichts.

Ich lernte Elisabeth Schlepplauer an einer Tankstelle kennen. Sie hatte für 47,01 Mark getankt, dachte an den Pfennig, den sie gleich geschenkt bekommen würde, und putzte in aller Ruhe die von Lindenblüten verklebten Scheiben. Es war Freitagmorgen, 7.15 Uhr. Ich stand mit meinem Wagen hinter ihr und wartete, dass sie endlich zur Kasse ginge.

Faulheit, die wie Fäulnis in den Gliedern aufsteigt.

Ich sprach sie an. Wir verabredeten uns für die Mittagspause. Punkt 12.30 Uhr betrat Elisabeth Schlepplauer die Pizzeria, setzte sich und begann gleich zu erzählen.

In ihrer Abteilung im Sozialamt sei "momentan eine junge Frau geparkt", eine neue Kollegin vielleicht. Die habe die Prüfung zur Beamtenlaufbahn gemacht, aber es sei noch nicht klar, ob sie bestanden habe und ob sie überhaupt gebraucht werde. "So welche, die werden an freie Schreibtische gesetzt, bis dass man Verwendung für sie findet." Die Neue komme aus Zwickau. "Eine ganz Nette." Die sei völlig fremd im Westen. Sie stehe ihr etwas bei. "Da habe ich ein bissl eine Aufgabe."

Ob sie denn sonst nichts zu tun hätte? "Oh, doch, genügend mit den Sozialhilfeempfängern und den Aussiedlern und den Asylanten." Es sei aber so langweilig im Amt und die Kollegen so ein langweiliger Haufen, wenn alles so eingespielt sei nach so vielen Jahren. Arbeiten müsste sie sogar für zwei, denn ihr Nachbar am Schreibtisch gegenüber, der tät gar nichts mehr, der habe ein Alkoholproblem und würde inzwischen stinken wie ein Obdachloser. Demgegenüber halte sie sich sehr zurück. "Der Chef kriegt alles mit, aber tun tut der nix."

Jeden Morgen fange sie an um halb acht. Aber nicht mit der Arbeit. Sie gehe da hin, um halb acht. Zu allererst schalte sie ihren Computer ein. Da stehe "Herzlich willkommen". Sie sehe "im Mailboxerl nach", ob etwas eingegangen sei, vielleicht etwas Persönliches. Sie habe drei verschiedene Programme, und während die anliefen, sehe sie die Post durch, die normale Post, Dienstanweisungen, Wiedervorlagen. Frühzeitig reingehen ins Amt, das werde schon gern gesehen, "und wenn's dann klingelt, das Telefon, dass ich da dann rangehe". Aber das entscheide sie nach Lust. Allmählich fülle sich "der Wartesaal vor den Amtsstuben". Drinnen würden die Schaltanlagen angemacht. Draußen leuchte die Schrift auf "Bitte eintreten!"