Bhagwan und Goethe sind einander ganz nah. Ein paar hundert Meter nur trennen das Haus des Nationaldichters vom Ashram des Gurus, zwei grüne Oasen im atemberaubenden Gewühl der 3-Millionen-Stadt Poona. Geordnet geht es bei beiden zu, entspannt, ganz anders als im Indien da draußen. Und noch was haben Johann Wolfgang und Shree Rajneesh gemeinsam: zufriedene Jünger. Die multinationale Sinnsuchtruppe der Osho Commune fahndet beim scheuen Tröpfeln einer Wasserharfe nach dem Selbst oder schlackert meditiernd so begeistert mit den Gliedern, als hingen alle an einem Glücksgenerator. Wer zum Max Mueller Bhavan geht, wie das Goethe-Institut hier heißt (weil der Indologe Mueller in Indien ein größerer Star ist als der Dichter und Bhavan einfach Haus heißt), zappelt nicht, bemüht sich aber mindestens so hingebungsvoll um Goethes Land, Werk, Wirken und Spätfolgen - Sanyasins der deutschen Kultur.

Heute lautet der Gegenstand ihrer Meditation: "Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang." Leise raschelt der Wind in den monsunfetten Blättern von Palmen und Tamarinden, die Regenzeit tröpfelt langsam aus, und nur von ferne dröhnt der Knattergang ungezählter Motorradrikschas herüber. Es spricht der Erzengel Raphael beziehungsweise der Deutschlehrer Rajeev Devasthali. Er steht in der Loggia des Max Mueller Bhavan und deklamiert Faust, den Prolog im Himmel; als himmlische Heerscharen umgeben ihn ein Dutzend Kollegen, einige in paradiesesbunten Saris, andere ganz leger in Jeans und Schlappen.

Sieht so also die "Vermittlung deutscher Sprache und Kultur" aus, die das Goethe-Institut leisten soll? Sind das die zarten Halme der auswärtigen Kulturpolitik, die durch das Sparprogramm des Finanzministers so gnadenlos rasiert werden, wenn man sie nicht doch noch unter Kulturschutz stellt? Ja. Und nein. Das Faust- Experiment ist ein exotischer Farbklecks in der Alltagsarbeit des 1961 gegründeten Instituts. Und die besteht vor allem aus Deutschkursen. "Poona hat von den sechs Max Mueller Bhavans in Indien die größte Sprachabteilung", erklärt Sabine Erlenwein, die Leiterin des Instituts (und Erste in dieser Funktion, die den "Dialog der Kulturen" so ernst nimmt, dass sie hin und wieder einen Abstecher zum Ashram macht). "Die Lehrer für unsere Häuser in ganz Südasien, von Bangladesch bis Sri Lanka, werden hier aus- und fortgebildet." Zwei Wohnheime für die auswärtigen Studenten gehören zum Institut. Fast 10 000 Stunden geben die fünf fest angestellten und 13 Honorarlehrkräfte im Jahr.

Na gut. Aber das Goethe-Institut muss sparen, in allen 135 Filialen weltweit, 14,6 Millionen Mark im nächsten Jahr, 27,3 Millionen bis zum Jahr 2003. Lassen Sie uns also über Geld reden. Sind sechs Institute in einem Land nicht Verschwendung? "Hier lebt ein Sechstel der Weltbevölkerung", sagt Frau Erlenwein. Im kleinen Frankreich ist Goethe auch sechsmal vertreten; so viel zur Verhältnismäßigkeit. Außerdem finden größere Kulturereignisse nur noch in Bombay und Delhi statt, Poona darf nur Filme zeigen und bekommt dafür 5000 Mark pro Jahr. Einen deutschen Streifen bei einem professionellen Verleiher zu besorgen kostet um die 1000 Mark. Macht fünfmal richtiges Kino.

Aber das Personal! 3300 Goetheaner weltweit, da macht sich sicher irgendwer zwischen München, Manaus und Madras einen schönen Lenz. Und auch in Poona wird doch bestimmt der ein oder andere der 42 Mitarbeiter überflüssig sein? "Vor 20 Jahren haben hier noch fünf Deutsche gearbeitet, 1994 noch drei, heute bin ich alleine." Keine teuren BAT-Verträge zum Einsparen mehr (was wegen des deutschen Arbeitsrechts ohnehin schwierig wäre, ein Problem aller Goethe-Institute). Ein fest angestellter indischer Lehrer verdient zwischen 10 000 und 14 000 Rupien im Monat, 500 bis 700 Mark; eine Honorarkraft bekommt für eine Stunde 8 Mark. Fast 190 000 Mark betragen die Einnahmen aus den Kursgebühren, sie decken die Ausgaben für die Lehrer. Der Bundeszuschuss beträgt insgesamt 290 000 Mark. Sollte sich Deutschland die nicht mehr leisten können?

Aber die Miete! Das Institut, eine Art indischer Bauhausvillenverschnitt, liegt an der noblen Boat Club Road, Poona ist eine boomende Stadt, könnte man da nicht billiger ... "Der Bund hat das Haus schon 1964 gekauft." Bleiben die Unterhaltskosten. Und hin und wieder ein Anstrich, wenn der Monsun binnen drei Monaten wieder alles ruiniert hat.

Aber muss denn das Institut überhaupt Deutsch unterrichten? Das könnte man doch professionellen Anbietern überlassen. Klar könnte man - wenn es sie gäbe. Zwar hat die Universität seit 85 Jahren ein rühriges German Department, an dem sogar eine Lektorin des DAAD arbeitet. Dafür hat sie kein Geld, um auch nur ein Buch zu kaufen. Und sonst? Fehlanzeige, das hier ist Poona, nicht Paris.