Großbritanniens öffentlich-rechtlicher Sender BBC bangt um seine Zukunft. In offiziellen Hausmitteilungen ist neuerdings von einem "Scheideweg" die Rede, und der Chef einer Sonderkommission erklärte kürzlich: "Die Nation muss entscheiden, ob sie die Zukunft des Fernsehens ein paar Privatfirmen überlassen will." Das klingt ernst. Für Pathos sind die Briten sonst nicht zu haben.

Die jüngste Angstgegnerin der BBC ist nicht mehr die "eiserne Lady" Margaret Thatcher (die in ihrer Amtszeit einmal an eine Privatisierung der ehrbaren Institution dachte, den Plan aber schnell wieder fallen ließ), sondern die neue, digitale Medienwelt. Sie zwingt die BBC schon seit Jahren zu einem riesigen Spagat. Auf der einen Seite versucht Generaldirektor Sir John Birt, die abrutschenden Zuschauerzahlen in den Griff zu bekommen und trotzdem noch mit elitären Qualitätsprogrammen die öffentlich-rechtliche Existenzberechtigung zu untermauern. Aber er konnte auch nicht tatenlos zusehen, wie die privaten Konkurrenten Granada, Carlton und BSkyB mit Milliardeninvestitionen in Kabelnetze und Satelliten das neue Digitalfernsehen für sich erobern, das vielleicht irgendwann das konventionelle Fernsehen ablöst.

Das Geld für den digitalen Vormarsch fehlt der BBC aber anderswo. Werbung und Sponsoring fallen im öffentlich-rechtlichen Sektor der BBC aus, die bisherigen Ausflüge in kommerzielle Unternehmungen waren nicht sonderlich erfolgreich, Birts Ideen für rabiate Sparprogramme sind offenbar allmählich ausgereizt. Da wurden Produktionen massiv zusammengestrichen, Journalisten müssen jetzt für mehrere Medien und Programme zugleich arbeiten, ein bekannter Sportmoderator sprang erst letzte Woche ab. Begründung: Die BBC leiste sich fast keine Übertragungsrechte mehr für wichtige Sportveranstaltungen.

Tony Blair hat einen persönlichen Vertrauten auf das Problem angesetzt: Gavyn Davies, den Chefökonomen der Investmentbank Goldman Sachs. Davies unterbreitete seinen Vorschlag letzte Woche, und er klingt eigentlich salomonisch: Die BBC soll einige ihrer kommerziellen Aktivitäten und ein paar Servicebereiche verkaufen. Zur Belohnung sollen die Käufer von Digitalfernsehern künftig gezwungen werden, eine jährliche Gebühr von 70 Mark an die BBC abzutreten. Zusammengerechnet kämen 600 Millionen Mark in die Kasse - immerhin ein knappes Drittel dessen, was BBC-Chef John Birt fordert.

Das Problem ist, dass die Briten jetzt schon jährliche Fernsehgebühren in Höhe von 300 Mark pro Haushalt zahlen. Die Gegner der BBC hauen daher kräftig in diese Kerbe. Auf Privatkanälen sind plötzlich Sendungen zu sehen, bei denen sich die Briten über ihre Fernsehgebühren ausweinen können. Blätter wie die Times (im Besitz des Medienzaren Rupert Murdoch, der auch den Privatsender BSkyB beherrscht) mokieren sich über die "neue Kopfsteuer" für die BBC und über die Technologiefeindlichkeit der geplanten Abgabe. Relativ lahm klingen die Erwiderungen, wie sie kürzlich im linken Wochenmagazin New Statesman zu lesen waren: Murdochs "Satellitenkanäle bringen uns bloß alte Filme, Sport und Ratespiele". Seine Kunden sehen das wohl anders.

Auf jeden Fall müssen die BBC-Oberen nun feststellen, dass ihre forsche Expansion ins Digitalgeschäft unliebsame Folgen hat: Die Nation debattiert jetzt, ob sie auf Dauer überhaupt einen Gebührensender will.