Wer glaubt noch an das Märchen vom guten Zaren Boris, der eigentlich das Richtige will, aber wegen widriger Umstände nicht kann? Der Westen! Und damit das Märchen wahr werden kann, haben die westlichen Staatsmänner Ende Juli einen Kredit von 4,5 Milliarden Dollar des Internationalen Währungsfonds an Russland genehmigt. Das ausgelaugte Land erhielt großzügigen Aufschub bei den Altschulden, die Weltbank legte noch eine Milliardentranche dazu. Damit sollen Reformen gefördert, soll der amtliche Bankrott verhindert und Russland stabilisiert werden. Wirklich?

Nachdem alle Kreditverträge unterschrieben sind, tritt Boris Jelzin in Breschnew-Pose vor die bestellten Kameras. Durch die klemmende Brille verliest er mit mahlendem Unterkiefer die Entlassungsurkunde für den Premier Sergej Stepaschin. Die Begründung blieb Jelzin schuldig. Verständlich, denn der Regierungschef hatte keine schlechte Arbeit geleistet: Er baute die Reformkulisse für die Kredite auf und vertrat Russland würdig auf westlichen Gipfeln. Washington und Bonn erwarten nach Stepaschins Entlassung nun "die Fortsetzung des Reformkurses". Da lächelt man im Kreml: Diese Ausländer sind so gutgläubig wie Stepaschin. Der hatte doch tatsächlich gemeint, er könne als Premier seinem Land dienen, die Wirtschaft anschieben, die Grenzen sicherer machen. Der Mann verstand seinen Job nicht. War er doch als der erste Lakai der Kreml-Familie eingestellt. Auch wenn die russische Verfassung diesen Posten nicht vorsieht: An der Aufgabe ist schon mancher gescheitert.

Was die selbst ernannten Demokraten um Jelzin beunruhigt, ist Volkes Stimme. Russland soll am 19. Dezember ein neues Parlament wählen, in einem knappen Jahr einen Nachfolger für den siechen Jelzin. Seine Popularitätsrate kränkelt bei drei Prozent. Neue politische Ideen gibt es nicht. Alle vorzeigbaren Kronprinzen hat die eifersüchtige "Familie" im Kreml ins Abseits gedrängt. Viele der Entlassenen sind ins gegnerische Lager übergelaufen. Dort baut Jurij Lushkow seine Wahlkampfmaschine auf. Der Moskauer Bürgermeister hat seine politische Bewegung Vaterland jüngst mit der Gouverneurspartei Allrussland verbandelt. Gelingt es auch noch, den von vielen Russen heiß verehrten Jewgenij Primakow obendrauf zu postieren, wäre der Gefechtssturm hoch genug, um bei den Wahlen die Kreml-Mauer zu überwinden. Zum Missvergnügen der Kreml-Familie hat Lushkow mehrmals angedeutet, er werde Korruption und Hinterzimmer-Privatisierung bestrafen. Zwar ist der Patriarch im Bürgermeisteramt da selbst nicht unbescholten, doch wer herrscht, entscheidet, welche Fälle untersucht werden.

Die "Familie" - darunter Jelzins Tochter Tatjana und der Finanzgaukler Boris Beresowskij - braucht also einen Premier, der sie vor Verfolgung und Eigentumsrevisionen schützt. Ihr Mann fürs Grobe heißt Wladimir Putin. Sein Lebenslauf prädestiniert den 47-Jährigen für diese Mission. Als KGB-Arbeitskamerad wirkte er einige Jahre in der DDR. Im Juli 1998 wurde er Direktor des Geheimdienstes FSB, vor fünf Monaten auch Sekretär des Sicherheitsrates. Nun hat ihn Jelzin nicht nur zum Ministerpräsidenten ernannt, sondern gleich auch als seinen Nachfolger angepriesen. Putin nahm die Beförderung mit dienstlicher Abgeklärtheit hin: "Wir sind Militärs und führen jeden Befehl des Präsidenten aus." So einer wird gebraucht. Denn dem Kreml-Clan stehen harte Monate bevor. Und damit dem Land. Das Motto des Jelzin-Milieus: Vertraue niemandem, Kontrolle ist alles.

Erstens: Institutionen und Betriebe werden systematisch unter Kreml-Kuratel genommen. Der Generalstaatsanwalt, der sich erlaubte, in Familiendingen zu recherchieren, wurde mit Videos über sein Sexualleben aus dem Amt geekelt. Der FSB ist mit einem Getreuen Putins an der Spitze zum verlängerten Kabinettstisch geworden. Personalrochaden sind Ausdruck und Wesen der Jelzinschen Herrschaft. Der größte Strommonopolist, die lukrative Waffenschmiede Roswoorushenije, die reiche Zollbehörde werden von guten alten Bekannten geleitet. Um den Konzern Gasprom wird noch gerungen. Aus diesen Töpfen soll die Wahlschlacht finanziert werden. Da kommt es gelegen, wenn sich auch die Freunde im Westen nicht lumpen lassen.

Zweitens: Die Medien sind der "Transmissionsriemen" ins Volk, lehrten die Bolschewiki. Die Kreml-Verwaltung hat nun dem Most-Medien-Imperium den Propagandakrieg erklärt, weil dessen Sender einseitig Jurij Lushkow stützen. Boris Beresowskij kauft derweil über Strohmänner die letzten seriösen Zeitungen zusammen, um "seinen Standpunkt hörbar" zu machen. Ein Informationsministerium überprüft neuerdings "unkontrolliert" schreibende Journa-listen auf Anstand und Sitte. All dies soll sicherstellen, dass sich die "Familie" jederzeit einen Kandidaten für das Präsidentenamt aufblasen kann. Der Westen würde ihn wohl akzeptieren, aber auch das Volk?

Drittens: Die politische Lage in Russland ist zwar unübersichtlich, scheint aber für den Kreml dirigierbar zu sein. Wenn beim Volk kein hausgemachter Nachfolgekandidat ankommt, könnte man die Vereinigung mit Weißrussland vorantreiben. Im Verschmelzungschaos ließen sich Wahlen verschieben oder der sieche Jelzin gar als Überpräsident installieren. Milocevic hat das Muster in Jugoslawien geliefert.