Dies ist ein Buch über den Sinn des Lebens. Nach Matti und sein Großvater (1994), das ich damals für ziemlich überschätzt hielt, erscheint im Hanser Verlag nun die dritte Übersetzung eines Buches von Roberto Piumini. Eine Welt für Madurer steht meines Erachtens in einer Reihe mit Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz und Els Pelgroms Die wundersame Reise der kleinen Sofie. Damit ist auch die Geschichte angedeutet: Erzählt wird von einem todkranken Jungen. Doch das ist nur der Hintergrund, vor dem ein Leben abläuft, in dem Schönheit, Freundschaft, Liebe, Glück und Würde nicht so knapp bemessen sind wie die Zeit, die Madurer noch zur Verfügung steht. Dadurch werden die Gefühle der Trauer relativiert. Denn wie der Autor mit dieser im Grunde trostlosen Situation umgeht, welche neuen Dimensionen er ihr abgewinnt, ist mehr als nur erstaunlich, es ist ein Geschenk für das eigene Leben.

Roberto Piumini erzählt von dem Maler Sakumat, der eines Tages in den fernen Palast eines mächtigen Burban gerufen wird. Madurer, der Sohn des Burban, ist krank. Er leidet an einer schweren Allergie und darf die Räume im Inneren des Palastes nicht verlassen. Er atmet durch feuchte Gazestreifen gefilterte Luft, und selbst der Blick durch die Fenster ist ihm verboten. Nur durch schmale Spalten in der Decke fällt Licht in die Zimmer des Prinzen. Damit sein Sohn trotzdem etwas von der Schönheit der Welt sieht, bittet der Burban den Maler Sakumat, die Wände von Madurers Räumen zu bemalen. Sakumat lässt sich auf diesen Auftrag ein und schenkt Madurer nicht nur seine Zeit, sondern Lebenserfahrung, Wissen, den Reichtum seiner Empfindungen, kurz: sich selbst. Er malt eine ganze Welt aus Landschaften und Menschen auf die Wände. Aber die Bilder entstehen nicht nur im Kopf des Malers, Madurer ist aktiv beteiligt, denkt mit, entscheidet mit und malt schließlich auch mit. Geschichten entstehen in Tälern, auf Bergen und Wiesen, auf geschlängelten Wegen und unsichtbar hinter dem Horizont. Schiffe fahren auf Meeren, es gibt Piraten und Abenteuer. Jahreszeiten verändern die Bilder.

Diese sehr poetische Geschichte vom Leben und Tod jenes Kindes ist wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt. Sie ist ergreifend, aber nicht deprimierend. Einem Schicksal, auf das wir normalerweise mit dem Einsatz aller medizinischen Mittel reagieren, wird ein anderer Blick auf die Welt gegenübergestellt, Fantasie statt Medizin, inneres Leben statt hektischer Aktivität, vollständige Zuwendung statt professioneller Pflege.

Madurer, der todkranke Junge, lebt in extremer Beschränkung ein reiches Leben. Die Geschichte ist ein wunderschönes Märchen, das uns nicht vor ein Entweder-oder stellt, sondern uns auf eine durchaus bedenkenswerte Alternative hinweist. Dieses (von Maria Fehringer übrigens hervorragend übersetzte) Buch ist ein Geschenk für alle Leser, nicht nur für betroffene Kinder und ihre Eltern.

LUCHS 152 wurde ausgewählt von Doris Dörrie, Mirjam Pressler, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 12. August, 14.05 Uhr, stellt RADIO BREMEN 2-Funkhaus Europa seinen Hörern das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit der Rezensentin ist abrufbar im Internet

· Robert Piumini: Eine Welt für Madurer Aus dem Italienischen von Maria Fehringer. Carl Hanser Verlag, München 1999; 104 S., 22,- DM