Vor 30 Jahren hat Umberto Eco die historische Weisheit der Themenparks gepriesen, die südlich von Los Angeles entlang des Interstate Freeway 5 aufgereiht sind. Verzückt spazierte Eco durch die Westernstadt von Knott's Berry Farm mit ihren Planwagen, Saloons und Pferdetränken, und begeistert erlebte er das Tomorrowland der Firma Disney, eine Installation aus Mondraketen, Robotern, einer silbernen Schnellbahn und anderem Krimskrams im Stil der sechziger Jahre.

Inzwischen wirken diese Attraktionen so gestrig wie die Epoche, die sie hervorgebracht hat. Der Gang durch Disneyland gleicht, wenn man die paar shows und rides jüngeren Datums weglässt, der Besichtigung eines En-tertainment-Museums, und auf der "Beerenfarm" des Marmeladenherstellers Knott geben längst spektakulärere Späße den Ton an. Wer heute in einen theme park geht, will nicht belehrt und amüsiert, sondern gefüttert, erschreckt, beschleunigt und nass gespritzt werden wie die Kinohelden in den Actionkomödien für die ganze Familie.

Doch trotz seines offensichtlichen Mangels an Hipness ist Legoland ein Erfolg. Die Los Angeles Times pries den Park als Musterbeispiel eines kinderfreundlichen Familienvergnügens, und selbst an Wochentagen wirkt das Gelände gut gefüllt. Wer ohne kids nach Legoland fährt, kommt sich allerdings ziemlich verloren vor. Erst das "Miniland", die Miniaturenwelt am Ende des Rundgangs, beflügelt auch den erwachsenen Blick. Hier ist Amerika noch einmal, ganz aus Lego. Das Weiße Haus in Wa-shington. Das Kapitol. Die Sky-line von San Francisco, die Golden Gate Bridge. Die Wolkenkratzer von New York. Die Holzhäuser von New Orleans. Minibusse, Autos und Schiffe, von Kleinmotoren bewegt, fahren auf den Legostraßen. Eine Kapelle paradiert. Die Limousine des Präsidenten zieht vorbei. Amseln, unheimlich groß im verzerrten Maßstab, hüpfen zwischen den Gebäuden herum. "Die Ameise ist ein Drachen in ihrer Kentaurenwelt", lautet ein Vers von Ezra Pound. In der Legowelt sind die Vögel so groß wie Ungeheuer.

Der Tremor der Wahrnehmung, den Miniland auslöst, wiederholt sich beim Anblick der Elefanten, Löwen, Giraffen und Saurier aus Legosteinen, die den vorderen Teil des Parks bevölkern. Hier ist der Maßstab gewahrt, aber die Form spielt verrückt. Unter der kalifornischen Sonne flimmern die eckigen Umrisse der Legotiere wie eine Bildstörung im Fernsehen. Man reibt sich die Augen, doch die Realität wird nicht schärfer: Geisterstunde.

Am gespenstischsten wirkt die Umgebung des Parks. Hier, in der Küstenlandschaft zwischen Los Angeles und San Diego, stand vor 20 Jahren noch kaum ein Haus. Jetzt ist fast das ganze Land erschlossen und parzelliert. Plansiedlungen aus Einfamilienhäusern, die wie der Albtraum eines Legodesigners aussehen, wuchern über die Hügel. In absehbarer Zeit wird die Gegend zuwachsen. Dann wird Lego kein Markenzeichen mehr sein, sondern der Name einer Welt. Und ewig spielen die Kinder.