Die deutsche Woche ist eine gleichförmige Angelegenheit. Von Montag bis Freitag wird rangeklotzt, samstags eingekauft, der Sonntag dient, so steht es im Grundgesetz, der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung. Am Montag geht es dann wieder rund. Auch die Wochentage verlaufen zwischen Frühstück und Tagesschau eher monoton: arbeiten, einkaufen, wenn es sein muss, Abendessen. Ein Volk im Gleichschritt - von außen betrachtet, mag das seltsam erscheinen und das Gewimmel in den Fußgängerzonen am Samstagnachmittag geradezu ameisenhaft. Aber die Mehrheit der Deutschen will es nun einmal so.

Einer Minderheit allerdings gefällt das nicht mehr. Diese Leute wollen, jedenfalls manchmal, schon am Samstag raus ins Grüne und erst tags darauf einkaufen. Mit einem Gottesdienst am Sonntag ist ihrem Seelenfrieden nicht gedient, eher schon mit etwas mehr Zeit für ihre Kinder, weshalb sie nach der Arbeit gerne gleich nach Hause gingen, statt zum Supermarkt zu hasten - warum nicht später in Ruhe einkaufen, wenn die Kleinen im Bett sind? Manche wollen auch nur weniger arbeiten, für mehr Geld, und nähmen dafür Sonntags- oder Nachtschichten gerne in Kauf.

Angesichts der öffentlichen Erregung über das Treiben in den neuen Freihandelszonen des deutschen Ostens muss man sich vielleicht in Erinnerung rufen, was da geschieht und vor allem nicht geschieht. Niemandem wird Gewalt angetan. Niemand wird gezwungen, sein Geschäft zu öffnen oder Sonntagsarbeit zu leisten. Niemand wird aus der Kirche gezerrt und in eine Kaufhof-Filiale verschleppt. Einige zehntausend Menschen gehen einkaufen, und zwar sonntags - das ist alles.

Was daran schlimm sein soll, ist schwer zu sehen, und bisweilen scheint es, als könnten auch die Kritiker es nicht sagen. Dass rein kommerzielle Interessen die Geschäftsleute zur Sonntagsöffnung verleitet hätten, wie ein Gewerkschaftsvertreter klagt, kann das Problem doch nicht sein. Schließlich ist der Einzelhandel auch wochentags keine karitative Veranstaltung. "Die Minorität unter den Verbrauchern, die nachts um drei einen Rasenmäher kaufen will, wollen wir nicht zufrieden stellen", versichert tapfer eine HBV-Sprecherin - als hätte ihr oder ihrer Gewerkschaft irgendjemand etwas Derartiges zugemutet.

Seltsam, wie fremd im Lande Kants den meisten der Gedanke zu sein scheint, dass Menschen das Recht haben zu tun, was immer sie wollen, solange sie nicht andere in ihren Rechten verletzen. Denn darum geht es doch: Wenn Herr Meier aus Gründen, die nur ihn etwas angehen, nachts um drei einen Rasenmäher kaufen möchte, und Herr Müller aus Gründen, die seine Sache sind, nachts Rasenmäher verkauft - wer hätte dann das Recht, den beiden ihr Geschäft zu verbieten? Wer könnte im Ernst behaupten, er werde durch einen solchen Handel in seinen Rechten verletzt?

Nichts anderes hatten die Verwaltungsgerichte in Berlin, Halle, Dessau und Leipzig in den letzten Tagen zu entscheiden: Dürfen Geschäftsleute ihre Läden öffnen, dürfen Verkäufer Kunden bedienen, und dürfen diese Kunden sich bedienen lassen, auch am Sonntag, wenn sie alle das so und nicht anders wollen? Nein, dürfen sie nicht, entschieden die Richter in Berlin, Dessau und Leipzig, oder allenfalls ausnahmsweise, urteilten die Kollegen in Halle. Etwas anderes blieb den Gerichten auch kaum übrig. Denn Deutschland hat eines der rigidesten Ladenschlussgesetze Europas, und nur einer Reihe bizarrer Ausnahmeregelungen ist es zu danken, dass derzeit wenigstens einige Ostdeutsche mehr Freiheiten genießen als die übrigen Bundesbürger.

Nun gibt es natürlich Wichtigeres als das Recht, sonntags einzukaufen. Man könnte versucht sein, den Streit um den Ladenschluss möglichst schnell zu vergessen, zumal ein Kompromiss sich ja schon abzeichnet. Längere Öffnungszeiten unter der Woche, Verkaufsverbot am Sonntag, darauf wird es wohl hinauslaufen. Beim Sonntagshandel sind die Umfragen eindeutig. Am entschiedensten für das Verbot sind ausgerechnet die Anhänger der FDP - Liberale, so scheint es, wählen inzwischen andere Parteien.