Bald nach Beginn des Luftkriegs gegen Serbien, am 24. März 1999, flog ein Nato-Jet hoch über den Bergen in Richtung Pec, der zweitgrößten Stadt des Kosovo. Sein Ziel war ein militärischer Sendemast inmitten albanischer Häuser, die im Hochland über der Stadt auf einer Wiese verstreut standen. Mehrere Kilometer vom Sendemast entfernt startete der Waffensystem-Offizier eine lasergeleitete Rakete mit einer Kameralinse an der Spitze. Der Einschlag trennte das Metallgerüst des Sendemastes von dessen Betonfundament. Jetzt liegt das zerfetzte Gerüst über einem wassergefüllten Bombentrichter, etwa acht Meter von den Häusern der albanischen Familien entfernt. Zwischen einem erfolgreichen Angriff und einer Katastrophe liegt nur ein schmaler Grat. Dergleichen moderne Kriegshandlungen offenbaren einen geradezu grenzenlosen Glauben an technologische Systeme. An die Piloten in 5000 Meter Höhe, die ein militärisches von einem zivilen Ziel unterscheiden müssen, obwohl beide nur durch einen Feldweg getrennt sind.

Seit Reporter während des Golfkrieges mit ansahen, wie Cruise-Missiles "an den Ampeln links abbogen", um Bunker des irakischen Regimes zu treffen, versteht die westliche Öffentlichkeit unter Krieg Laser-Chirurgie. Ganz selbstverständlich erwarten wir inzwischen Perfektion von aller Technologie, die uns umgibt - von unseren Handys, von Computern und von Autos. Warum nicht auch vom Krieg?

Der Krieg, in dem Clark sich wiederfand, war im Grunde gar kein Krieg - er begann ohne offizielle Kriegserklärung und endete ohne einen vollständigen Sieg -, und er war auch nicht der Krieg, den er geführt hätte, wäre es nach ihm allein gegangen.

Ein paar Wochen nach Kriegsende sitzt Clark in seinem holzgetäfelten Büro bei SHAPE - Supreme Headquarters, Allied Powers, Europe - im belgischen Mons. Er ist eine kleine, geschmeidige, nachdenkliche Erscheinung, und seine Stimme ist geradezu beunruhigend sanft. Er vermittelt den Eindruck, er halte starke Gefühle unter strenger, aber nicht immer perfekter Kontrolle. Der Kommandeur gibt sich wachsam: "Ich bin sehr auf der Hut", sagt Clark leise. "Es gibt noch keine Friedensregelung. Die endgültige Verteilung der politischen Macht ist noch nicht geregelt."

Die wichtigere Frage lautet, ob der Luftkrieg, bei all seiner lasergesteuerten Präzision, überhaupt sein Ziel erreicht hat. Milocevics Bodentruppen - aggressive, verstockte Soldaten mit Sonnenbrillen und Kopftüchern, die westliche Kameras mit obszönen Gesten begrüßten, während ihre Kolonnen sich nach Norden zurückzogen - wirkten nicht besiegt. Es scheint seltsam, dass eine solche Machtdemonstration der alliierten Luftwaffe - mehr als 36 000 Einsätze an 78 Tagen - sie nicht hatte vernichten können. Aber wenn Milocevic militärisch unbesiegt war, warum hatte er sich dann für den Rückzug entschieden? "Da müssen Sie Milocevic fragen, aber der wird es Ihnen nie sagen", antwortet Clark.

Von Anfang an wollte Clark Milocevics Bunker zum Ziel nehmen, aber die politischen Führer der Nato zögerten - aller eigenen dämonisierenden Rhetorik zum Trotz. Erst im zweiten Monat des Feldzugs erhielt Clark die Genehmigung, Milocevics Villa in Dobanovici anzugreifen, die etwa 30 Minuten von Belgrads Stadtzentrum entfernt inmitten von Wald und Feldern liegt. Im September 1995, bei den Vorgesprächen zu den Verträgen von Dayton, waren Clark, Richard Holbrooke und Milocevic gemeinsam durch dieses Wäldchen gegangen; Milocevic schwelgte in Erinnerungen an seine Reisen nach New York Anfang der achtziger Jahre, als er die jugoslawische Staatsbank leitete. "Ich möchte Ihre wunderbare New Yorker Luft noch einmal atmen", sagte er seinen amerikanischen Gästen. Bei einem späteren Treffen auf der Terrasse in Dobanovici fragte Milocevic aus heiterem Himmel, ob die Amerikaner vielleicht Ratko Mladic kennen lernen wollten, den Kommandeur der Streitkräfte der bosnischen Serben, und Radovan Karad*ic, den Führer der bosnischen Serben - Bosniens berüchtigtste Kriegsverbrecher. Während seine amerikanischen Gäste einander verblüfft ansahen, verkündete Milocevic, die beiden Männer befänden sich in einer Villa kaum 200 Meter entfernt. Minuten später tauchten sie auf der Terrasse auf. Unerbittliche Verhandlungen bis in die Morgenstunden folgten, bei denen Milocevic schließlich den Widerstand seiner bosnisch-serbischen Klienten überwand. Danach konnten Clark und Holbrooke die Serben dazu bewegen, die dreijährige Belagerung von Sarajevo aufzuheben.

Clark hat diesen Vorfall niemals vergessen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass kaum 200 Meter von Milocevics Terrasse eine Art Gästehaus oder Bunker liegen musste. Vier Jahre nach dem Treffen in Dobanovici, als der Luftkrieg schon begonnen hatte, ließ Clark mittels einer unbemannten Drohne über Belgrad Fotos von dem Gebiet aufnehmen. Dann vertiefte er sich mit seinen Zielbestimmern in die Aufnahmen. Sie peilten Dobanovici an und versuchten den Ort zu identifizieren, an dem Mladic und Karad*ic sich verkrochen hatten. Vielleicht hielt sich jetzt Milocevic selbst dort verborgen. "Wissen Sie, was wir taten?" Er hebt die Hand, lässt sie für einen Augenblick in der Luft schweben und schlägt dann hart auf den Kaffeetisch. Bam! Die Laptops auf den Knien seiner Stabsoffiziere hüpften in die Höhe. "Wir haben es gefunden." Ein Flackern unverhüllten Triumphes geht über sein Gesicht.