Rechtzeitig zur Jahrtausendwende erhebt Neil Postman, die Kultur-Kassandra der modernen Informationsgesellschaft, wieder einmal warnend seine Stimme. Dabei bleibt der New Yorker Soziologe auch im neuesten Buch seinem Lebensthema treu: dem Bildungsverlust und Werteniedergang im digitalen Zeitalter. In zahlreichen Publikationen hat Postman die seiner Ansicht nach fatalen Auswirkungen blinder Technik- und Medienverherrlichung auf das gesellschaftliche Bewusstsein und die politischen Demokratien gegeißelt - und sich dafür mitunter nicht zu Unrecht den Vorwurf der Antiquiertheit eingehandelt.

Wirklich Neues hat Postman diesmal zwar nicht mitzuteilen, unzeitgemäß ist es aber allemal, was er Internet-Junkies und kommerzhörigen Verächtern des humanistischen Kulturerbes entgegenhält. Mit einem Rekurs auf die Klassiker der Aufklärung versucht er, eine Bilanz seiner zivilisationskritischen Befunde über Sinnleere und Orientierungskrisen in medien- und computerdominierten Gesellschaften zu ziehen. Seine Botschaft: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert sollte möglichst viel von der Geisteshaltung jener zurückliegenden Epoche mitgenommen werden.

Postman predigt keinen sterilen Vernunftglauben, sondern erinnert die wachsende Cyberspace-Gemeinde ganz im Gegenteil daran, dass die instrumentelle Vernunft aus sich heraus nie Fragen nach dem Warum und Wozu lösen kann. Dazu bedarf es einer Reflexionsleistung, zu der nur der Mensch imstande ist. Ohne moralisch-ethisch motiviertes und wertebewusstes Denken und Handeln ist Fortschritt für den Zeitdiagnostiker Postman nur eine Illusion.

Gegen den "Informationsmüll" der Internet-Gesellschaft propagiert der Autor die Fähigkeit zum Lesen. Dadurch würden Sprachkompetenz und Denken geformt und so überhaupt erst die Erkenntnis der Wirklichkeit, sei sie real oder virtuell, ermöglicht.

Amüsant ist, wie der New Yorker Humanist mit common sense postmoderne Dekonstruktivisten à la Derrida und Baudrillard abwatscht. Wer die sophistische Begriffsverwirrung bis zur Realitätsverleugnung steigere, könne wohl auch den Mond nicht mehr von grünem Käse unterscheiden, macht er sich über die Apologeten der Beliebigkeit lustig. Unbeirrt von solchen Moden, bleibt Postman dabei "zu sagen, was man meint, zu meinen, was man sagt, und zu schweigen, wenn man nichts zu sagen hat".

Es ist das Verdienst des Medienkritikers Postman, immer wieder auf die teils bedenklichen sozialen und psychischen Folgen technologischer Revolutionen hinzuweisen. Leider wird daraus bisweilen obskure Technikfeindschaft, etwa wenn er auf Anrufbeantworter und Faxgeräte schimpft. Wer Fernsehen, Computer und Internet verteufelt, mystifiziert eine Welt, die es zu entschlüsseln und zu beherrschen gilt - durch kritische Aneignung.

Neil Postman: Die Zweite Aufklärung