Bitte, überlegen Sie sorgsam. Wenn Sie das Erbe antreten, werden Sie auch uns beerben. Sie werden für jeden von uns verantwortlich sein, bis zu dessen, allerdings absehbarem, Tod. Bis dahin sind wir alle in Ihrer Hand", sagte Berner und ließ seine Hand sekundenlang geierartig kreisen über den weißen oder lichten Scheiteln der Greisinnen und Greise, die plaudernd in den Polstern riesiger Sesseln steckten. Aus dem Pergament, das sich fleckig, aber nahezu faltenlos um Berners spitzen Schädel spannte, zielten zwei pechschwarze, bis an die Irisränder geweitete Pupillen auf meine Pupillen, die sich, ich merkte es an dem Schmerz, den ich fühlte, peinlich devot zusammenzogen unter diesem Blick. Nach dem fünften Pils, das Herr Berner "zur Beruhigung" an der Haustheke für mich gezapft, entschäumt und mittels Bierwärmer auf magenfreundliche Temperatur gebracht hatte, leerte sich der Salon wie in geheimer Übereinkunft. Mit dem Kopf nickend oder ihn schüttelnd im Parkinsontremor, machten sich die Alten davon, als müssten sie einen letzten Zug erwischen. Herr Berner griff nach meinem Oberarm und umkrallte ihn wie den einer hinfälligen Gefährtin, die er mannhaft zu stützen hatte, mit erstaunlicher, ja demonstrativer Kraft. "Es ist Schlafenszeit"; seine Stimme, gerade weil sie so sanft war, verbat sich jeden Widerspruch.

Nun lag ich wach unter einer Rheumadecke in einem Dekubitus-freundlichen Wasserbett vor dem Fenster des kleinen Zimmers, das mir Berner gewiesen hatte, und das weiße Licht des Vollmonds leckte mir das Gesicht. Aus dem Raum neben meinem - oder doch aus einem, der meinem gegenüberlag? - drang, da ich mein harthöriges rechtes Ohr ans Kissen presste, zart und leise, aber unabweislich klar, eine Stimme allein durch mein linkes in mein Gemüt. "Rügen, du Perle der Ostsee / Insel im weiten Meer / Dir halt' ich die Treue / Dich lieb' ich so sehr", sang die Stimme, wahrscheinlich die der Frau von Puttnitz. Doch genauso konnte es die Stimme einer anderen alten Diva sein.

Ich erwachte von den Worten: "Gott allein ist fest, alle sonstigen Körper sind flüssig bis gasförmig." Ich weiß nicht, ob ich das gehört oder gesagt hatte. Im Traum, in Wirklichkeit? Jedenfalls herrschte, als ich meine verklebten Augenlider aufriss, völlige Stille; kein Gesang mehr, kein Sprechen, kein Wellenrauschen, kein Schnarchen, kein Stöhnen, nirgends. Auch der Vollmond war untergegangen und im Fensterrahmen nichts als bleigraue Morgendämmerung.

Ich fühlte mich kaum ausgeruht; einzig weil ich dringend pissen musste, verließ ich das warme Bett und fand neben der Tür ein winziges Bad mit Klo und Dusche, jedoch ohne Handtücher. Wo, fragte ich mich, hast du Siebkopf eigentlich deine Reisetasche gelassen? Hoffentlich nicht im Taxi. Vielleicht ja doch im Salon? Ich stieg in meine Hose, sah mich erst einmal um. Hatte ich einen Zimmerschlüssel? Nein. Gab es ein Telefon, einen Fernseher, ein Radio? Nein. Über einem schlichten Stuhl hing ein Hemd, das mir bekannt vorkam; auf einem kleinen, runden Tischlein stand eine etikettierte Weinflasche, der eine voll erblühte, hepatitisgelbe Rose zum Halse heraushing. Ich muss zugeben, dass mir der Anblick dieses grellen Stücks Flora heftigen Brechreiz verursachte, wenngleich wahrscheinlich nicht nur der - und nicht nur das. Der Riegel des Fensters, sosehr ich an ihm rüttelte, drehte, zog, ließ sich nicht bewegen. Also blickte ich durch das Glas in einen Garten voller gelber Rosen, dahinter Kiefernwald, kein Wasser. Ich tappte barfuß die Treppen runter und dann hinüber zum Salon. Der war tadellos aufgeräumt, die Plüschsessel in zwei geradezu konspirativ anmutenden Kreisen beieinander. Auf Hochglanz poliert, blinkte der alte Messingtresen. Die Gläser standen an ihren Plätzen in den Vitrinen, im Regal hinter der Theke Paraden von Flaschen. Allerdings nichts Hartes, sondern ausschließlich Liköre; Kirsch-, Pflaumen-, Aprikosen-, Nuss- und Eierlikör. Ich schnappte mir eine der Eierlikörflaschen, die sich im Unterschied zu meinem Fenster auch öffnen ließ, und gönnte mir einen großen Schluck. - Fenster; war es denn möglich, dass ich gestern Abend die schmiedeeisernen Gitter vor den Salonfenstern, und, wie ich nun entdeckte, vor sämtlichen Fenstern des Erdgeschosses, nicht bemerkt hatte? Ich lief in die Diele, packte die muschelförmige Stahlklinke der Haustür, drückte sie nieder, zog die Tür nach innen - und prallte gegen ein dichtes Gitter. Nicht die schmalste Kinderhand passte durch die quadratischen Öffnungen zwischen den verkreuzten Stäben; wie Hänsel aus diesem fiesen Märchen konnte ich lediglich einen Finger ins Freie stecken.

Wahrhaftig, ich war, wo ich wohl hingehörte, im Heim; nicht mehr in dem für minderjährige Voll- oder Halbwaisen, auch nicht wieder im geschlossenen klinischen Strafvollzug, sondern im "Parnass, Altersheim für Künstler" und ab heute nicht bloß popliger Insasse, denn ich hatte den Laden ja geerbt, war quasi Primat, Wärter, Zoodirektor und Immobilienbesitzer in Personalunion. Wenn auch dies wieder eine Inszenierung der Sinn-Stiftung sein und mich in noch tiefere Verwirrung stürzen sollte, so hatten sie sich diesmal verrechnet. Paulus, Max, Blödmänner, keine Menschenkenner. Hier wollte ich bleiben. Das entsprach meiner ebenso multiplen wie hospitalisierten Persönlichkeit, und vierundsechzig reife Frauen gab es auch. - Tamara. Tamara von Puttnitz, klingt doch cool, oder? Bier, Bierlikör, noble Gesellschaft, Liebe ohne Begehren. Nun gut, von Zeit zu Zeit der Vollmond.

Aber jetzt musste ich Berner finden, wecken, fragen. Was soll das? Warum die Gitter überall? Haben wir Feinde oder nur Paranoia? Wo ist das Dokument? Wo darf ich unterschreiben, dass wir alle in meiner Hand sind?