Hier also ist es passiert. James Stewart hatte seinen Wagen vor den alten grauen Mauern von Fort Point geparkt und war um die nördliche Ecke des Forts gelaufen, zum Kai unter den Pfeilern der Golden Gate Bridge. Kim Novak stand auf der Brüstung, fast schwarz vor dem hellen Hintergrund der San Francisco Bay, und schaute selbstvergessen ins Wasser. Dann stürzte sie sich hinein, die Arme weit von sich gestreckt, der weiße Seidenschal flatternd im rasenden Fall.

Seitdem sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen. Doch Kim Novaks tragischer Sturz ist nicht in Vergessenheit geraten, denn eine Filmkamera hat ihn aufbewahrt - jene Kamera, mit der im Herbst 1957 die Außenaufnahmen zu Alfred Hitchcocks Vertigo in San Francisco gedreht wurden. Am 4. Oktober, einem wolkigen, windigen Tag, wurde die berühmte Szene gefilmt. Miss Novak selbst musste nur für einen kurzen Moment auf der Ufermauer stehen und eine Hand voll Blütenblätter ins Meer streuen, dann übernahm ein Double die Rolle des Hollywoodstars. Viermal sprang die Stuntfrau von der Mauer in einen darunter aufgespannten Fallschirm, dann war die Einstellung im Kasten. Die Aufnahmen, in denen James Stewart die im Wasser treibende Kim ins Schlepptau nimmt und über eine Treppe zurück ans Ufer trägt, entstanden später in den Paramount-Studios in Los Angeles.

Die wichtigsten Schauplätze des Films sind heute alle noch vorhanden

Trotz aller Road-Movies und Western ist das Kino ein städtisches Medium. Filme und Städte gehören zusammen. Fast alle Metropolen der Welt haben schon als Hintergrund für Krimis, Liebes- und Kriegsgeschichten gedient, und in einigen Filmen war die Stadt mehr als nur Kulisse. Da ist das Rom von Fellinis Roma und Rossellinis Rom, offene Stadt ; das Paris von René Clair und Louis Malle; das New York von Taxi Driver und French Connection . Und da ist das San Francisco von Alfred Hitchcocks Vertigo .

Seit den dreißiger Jahren wurden Dutzende von Filmen in der City auf der Landzunge südlich des Golden Gate gedreht. Nicht wenige von ihnen spielten auf der Gefängnisinsel Alcatraz, nach ihrer Schließung im Jahr 1963 eine vorzügliche Kinokulisse. In den siebziger Jahren machte sich die Fernsehserie Die Straßen von San Francisco das Auf und Ab der Wohnviertel für spektakuläre Verfolgungsfahrten zunutze. Und Paul Verhoeven unterstrich in Basic Instinct (1992) die sexuelle Dämonie seiner von Sharon Stone gespielten Hauptfigur, indem er sie durch die Schwulen- und Lesbenclubs des Mission District ziehen ließ.

Aber kein Film hat die Atmosphäre von San Francisco so genau getroffen wie Hitchcocks Klassiker von 1958. Vertigo scheint die besondere Topographie der Stadt, diesen Wechsel zwischen Hügeln und Schluchten, zwischen Aufstieg und Abstieg geradezu in sich eingesogen zu haben - ein Film über Höhenangst und den Sog der Tiefe, über Betrug und Illusion, über das Sichverirren und Sichverlieren in einer scheinbar geordneten Welt.

Die Handlung beginnt mit einer Verbrecherjagd über den Dächern der Stadt: Zwei Polizisten verfolgen einen Gangster, einer rutscht ab und baumelt an einer Regenrinne über dem Abgrund, der andere will ihm helfen und fällt selbst in die Tiefe. Im Hintergrund sieht man die Bay Bridge, die San Francisco mit Oakland verbindet. Brücken und Türme sind Wahrzeichen der Stadt - und Leitmotive von Vertigo .