Tokyo

Der Weg zu Buddha führt diesmal nicht in den Tempel, sondern über eine steile Hintertreppe. 17 Japanerinnen und Japaner klettern in ein unscheinbares Zimmer im Tokyoter Stadtteil Nakameguro. Ein Gong ertönt, und sie beten laut einige Verse des Lotus-Sutra. Ihre Gesichter sind einem schwarzen Altar zwischen dem Fernseher und der Klimaanlage des Hausbesitzers zugewandt. Alle kennen den Text auswendig. Denn die Mitglieder dieser buddhistischen Laienorganisation namens Soka Gakkai beten das Sutra nicht nur einmal im Monat in ihrer Gruppe, sondern auch oft allein zu Hause.

Japan hat eine laizistische Verfassung; keine religiöse Organisation darf "irgendwelche politische Macht ausüben", so schreibt es Artikel 20 vor. Dass die Komeito zu Parlamentswahlen antritt, ist demnach zumindest bedenklich, erst recht aber ihre Regierungsbeteiligung. Denn die Partei wurde nicht nur von Soka Gakkai gegründet, sondern, das legt der Bericht eines Insiders nahe, jedenfalls in ihrer Anfangszeit auch von dieser beherrscht. 80 Prozent seiner Arbeit habe darin bestanden, zwischen der Soka Gakkai und seiner Partei zu vermitteln, berichtete der ehemalige Komeito-Parteivorsitzende Yoshikatsu Takeiri im vergangenen September in der Asahi Shimbun. Es macht die Sache nicht besser, dass Soka Gakkai nicht irgendeine harmlose Religionsgemeinschaft ist, sondern zumindest in der Vergangenheit deutlich Züge einer Sekte aufwies. "Shaku-buku" ("Brechen und Unterwerfen") nannte die Organisation in den Siebzigern ihre aggressive Strategie, um Mitglieder zu werben.

Bis vor wenigen Jahren pochten führende LDP-Politiker auf die Verfassung und warnten vor Komeito und der drohenden Vermengung von Religion und Politik. Damals freilich stand die buddhistisch gestützte Partei dem politischen Gegner näher als der eigenen Partei. Komeito war Teil jenes Bündnisses von Oppositionsparteien, dem es 1993 unter Führung der Sozialisten erstmals seit Ende des Krieges gelang, eine LDP-Regierung abzulösen.

Inzwischen haben sich die Mehrheitsverhältnisse im Oberhaus des japanischen Parlaments verändert, und nun erscheint es auch Obuchi und seiner LDP opportun, ihre laizistischen Prinzipien über Bord zu werfen. Zwar verfügt die Koalitionsregierung aus LDP und Liberalen (LP) im Unterhaus über eine Mehrheit. Doch im Oberhaus, das die Verabschiedung wichtiger Gesetze verzögern kann, fehlen zur Mehrheit elf Sitze. Gemeinsam mit der Komeito hingegen könnte die LDP ihre Politik auch dann noch durchsetzen, wenn der bisherige Koalitionspartner LP unter Protest die Regierung verlassen sollte.

Wird japanische Politik eine Frage der Religion?

Vielen Japanern ist die hinter der Komeito stehende Soka Gakkai suspekt. Gegner reden von sektenähnlichen Strukturen. Wer die Soka Gakkai verlassen will, bekommt oft Ärger. "Ich bin 1991 ausgetreten. Bis jetzt bekomme ich mitten in der Nacht anonyme Drohanrufe. Sie sagen ,Wir hoffen, dass du bald stirbst und zur Hölle fährst'", sagt Masami Ushiro. Der 70-jährige Immobilienmakler hat inzwischen die Vereinigung der Opfer der Soka Gakkai gegründet, die nach eigenen Angaben 10 000 Mitglieder hat.

Die Imageprobleme der Religionsgemeinschaft sind im Hauptquartier der Soka Gakkai International durchaus bekannt. Hier, in einem neunstöckigen Gebäude im Stadtteil Shinanomachi in Tokyo, schlägt das Herz einer mächtigen Organisation, deren Vermögen auf 80 Milliarden Dollar geschätzt wird. Pressesprecherin Rie Tsumura beglückwünscht Journalisten dazu, sich überhaupt "in die Höhle des Löwen" zu trauen. Sie bedauert alte Fehler; die Werbestrategie des "Brechens und Unterwerfens" habe ihrer Organisation geschadet - doch habe Soka Gakkai sich seit den siebziger Jahren sehr gewandelt. "Damals waren nicht alle Vorwürfe völlig grundlos", sagt Tsumura. So habe es früher wohl einzelne Mitglieder gegeben, die andere Soka-Gakkai-Mitglieder mit anonymen Briefen davon abbringen wollten, die Gemeinschaft zu verlassen. Heute gehe man aber nicht mehr aggressiv gegen Kritiker vor.

Befragt man dazu den japanischen Journalisten Masao Okkotsu, einen langjährigen Kritiker der Religionsgemeinschaft, dann lächelt er wissend. "Mir ist erst letzte Woche die Heckscheibe meines Wagens zertrümmert worden", sagt er. Okkotsu war als Jugendlicher selbst Mitglied, besuchte erst eine von der Soka Gakkai geführte Mittelschule, dann die ebenfalls der Gruppe gehörende Soka-Universität. Er beschreibt den Personenkult um Daisaku Ikeda. "Ikeda war für uns eine Art Buddha der Gegenwart. Einmal schenkte er uns Schülern Süßigkeiten. Die wurden in kleinste Stücke zerhackt, und wir verschlangen jeden Bissen voll andächtiger Dankbarkeit."

Daisaku Ikeda, heute noch Präsident der in 128 Ländern aktiven Soka Gakkai International und Ehrenpräsident der japanischen Soka Gakkai, ist eine schillernde Figur. Seine Verehrer rühmen ihn als "buddhistischen Philosophen, Autor und Friedenskämpfer". Gern arrangiert er Treffen mit den Großen der Welt, stets in Anwesenheit von Fotografen, deren Bilder dann die Titelseite der in Millionenauflage erscheinenden Soka-Gakkai-Zeitung Seikyo Shimbun schmücken. Derzeit diskutieren die Betzirkeln der Organisation ehrfurchtsvoll über ein Gespräch Ikedas mit dem kirghisischen Literaten Dschingis Aitmatov.

Kritiker behaupten, Ikeda werde von seinen Anhängern wie ein Gott verehrt, führe die Soka Gakkai jedoch wie ein Diktator. Der Journalist Okkotsu beschreibt den starken Mann der Religionsgemeinschaft als "eine Art japanischen Kim Jong Il".

Gegner der geplanten Regierungskoalition behaupten, Ikeda habe auch die Partei Komeito fest im Griff. Keigo Ouchi etwa war zwei Mal Gesundheitsminister, als die Komeito zwischen 1993 und 1994 an der Regierung beteiligt war. Damals seien alle Komeito-Abgeordneten Mitglieder der Soka Gakkai gewesen, sagt er. "Und die größte Person in der Soka Gakkai ist Daisaku Ikeda. Seine Worte haben absolute Wirkung."

Wird also künftig ein einzelner Mann, der von niemandem gewählt wurde, die japanische Regierungspolitik mitbestimmen? Otohiko Endo von der Komeito-Partei, streitet das ab. "Herr Ikeda belehrt uns über seine Philosophie, aber er hat keinen direkten Einfluss auf die Politik und die Personalfragen der Komeito", sagt der Parteisprecher, selbst natürlich auch ein Soka-Gakkai-Mitglied. Allerdings sei es kein Geheimnis, dass es "regelmäßige Treffen zwischen den Führern der Komeito und der Soka Gakkai" gebe. Organisatorisch und finanziell seien Partei und Religionsgemeinschaft jedoch strikt getrennt. Es gebe höchstens "individuelle Parteispenden von Soka-Gakkai-Mitgliedern".

Glaubt man hingegen einem Bericht der angesehenen japanischen Zeitung Mainichi Shimbun , dann gehen die Beziehungen zwischen Soka Gakkai und Komeito wohl doch über einen harmlosen Meinungsaustausch hinaus. Dem Bericht zufolge hat sich der mächtige LDP-"Königsmacher" und Expremier Noboru Takeshita im August vergangenen Jahres direkt an die Führung der Soka Gakkai gewandt, um die Koalition mit der Komeito einzufädeln. In der Villa eines Freundes habe Takeshita den jetzigen Soka-Gakkai-Präsidenten Einosuke Akiya um Kooperation gebeten, nachdem die LDP ihre Mehrheit im Oberhaus verloren hatte. Akiya habe dann nach Rücksprache mit Ikeda Zustimmung signalisiert.

Für die LDP des Premierministers ist die Soka Gakkai ein attraktiver Partner. Sie bietet nicht nur die begehrten Stimmen im Oberhaus, sondern könnte auch eine Wahlkampfmaschinerie zur Verfügung stellen. Vor allem die gläubigen Hausfrauen sind als kostenlose Wahlkampfhelferinnen am Telefon und auf der Straße in ganz Japan bekannt. "In der LDP hofft man, bei künftigen Wahlen von der Komeito in solchen Wahlkreisen unterstützt zu werden, in denen die Komeito selbst keinen Kandidaten aufgestellt hat", sagt der Politikprofessor Yukio Hori von der Tohoku-Bunka-Gakuen-Universität. So könnte die Partei für saubere Politik in Japan eine durchaus stabilisierende Rolle spielen. Das alte System der LDP-Herrschaft, sagt Professor Hori, werde durch die Komeito gestützt. "Die LDP wird überleben."