Die Wirtschaft der Neuzeit, mag sie auch von Märkten und Umsätzen bestimmt sein, verdankt ihre Entstehung nicht zuletzt bestimmten Gesellschaftsentwürfen, zu denen die Französische Revolution den wohl entscheidenden Beitrag geleistet hat. Auch an diesen politischen und ethischen Entwürfen ist die heutige Marktwirtschaft zu messen und speziell an der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit".

Nach Adam Smith gehört die Freiheit von Tausch und Handel zu den Grundfreiheiten. Die Bedeutung des freien wirtschaftlichen Handelns für das moderne Leben wird in einigen Gesellschaften als selbstverständlich vorausgesetzt, doch wenn die Bedingungen dieses Handelns gefährdet sind, zeigt sich, wie wesentlich es ist. Fehlt die Freiheit wirtschaftlichen Handelns, so ergibt sich daraus ein schwerwiegendes Problem an sich , ganz unabhängig von allen wirtschaftlichen Folgen.

Freiheitsentzug durch Aufhebung der freien Berufswahl wird an sich als sozialer Mangel empfunden. Das Problem ist nicht nur von historischer, sondern auch von aktueller Bedeutung, denn diese Freiheit wird heute in vielen Teilen der Welt erheblich eingeschränkt. Ich möchte das an vier Beispielen erläutern.

Erstens : In zahlreichen Ländern Asiens und Afrikas gibt es Formen der Leibeigenschaft. Den Betroffenen wird die Möglichkeit verweigert, sich woanders als bei ihrem traditionellen Arbeitgeber eine Beschäftigung zu suchen. Zweitens : Das Phänomen der Kinderarbeit (wie sie in etlichen afrikanischen und asiatischen Entwicklungsländern an der Tagesordnung ist) bedeutet im Grunde Sklaverei, da viele dieser Kinder zur Arbeit gezwungen werden. Drittens : Die Freiheit der Frau, sich eine Beschäftigung außerhalb der Familie zu suchen, ist in einer großen Zahl von Ländern der Dritten Welt erheblich eingeschränkt.

Viertens (und damit kommen wir zu einem Beispiel ganz anderer Art): Das Scheitern des bürokratischen Sozialismus in Osteuropa und der Sowjetunion lässt sich nicht ausschließlich aus den wirtschaftlichen Problemen erklären, die im Lohnniveau oder in anderen Parametern wie der Lebenserwartung zum Ausdruck kamen. Tatsächlich schnitten die kommunistischen Staaten in den Statistiken der Lebenserwartung sogar relativ gut ab. Einige ehemalige kommunistische Staaten bieten heute ein wesentlich schlechteres Bild als unter kommunistischer Herrschaft - es ist vielleicht nirgends so schlecht wie in Russland selbst. (Dort liegt die Lebenserwartung von Männern jetzt unter der in Indien oder Pakistan.) Trotzdem sind die Menschen nicht bereit, die früheren Verhältnisse wiederherzustellen. Das hat mit der Unfreiheit jener Verhältnisse zu tun.

Michael Kalecki (der namhafte polnische Wirtschaftswissenschaftler, der Mitte der fünfziger Jahre, als die Kommunisten in Polen an die Macht gelangt waren, voller Enthusiasmus in seine Heimat zurückkehrte) nahm mit Entsetzen zur Kenntnis, wie tiefgreifend dort die Grundfreiheiten beschnitten wurden. Auf die Frage, wie Polen auf dem Weg vom Kapitalismus zum Sozialismus vorankomme, erwiderte Kalecki damals: "Den Kapitalismus haben wir erfolgreich abgeschafft, nun müssen wir nur noch den Feudalismus abschaffen."

Gleichwohl, wenn sich die wirtschaftswissenschaftliche Literatur mit dem Thema "Effizienz des Marktes" beschäftigt, schenkt sie den Freiheiten und Rechten in der Regel wenig Beachtung. Stattdessen orientiert sie sich am Wert der produzierten Waren und am Nutzen (oder der Bedürfnisbefriedigung), den sie stiften. Typische Wirtschaftstheorien des freien Marktes scheinen nicht viel mit den Werten im Sinn zu haben, die bei den französischen Revolutionären in der Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit beredten Ausdruck fanden. Stattdessen haben sich die großen Theorien mit Zielen wie dem "Pareto-Optimum" beschäftigt, einem Zustand der Marktkonkurrenz, in dem niemand mehr seinen Wohlstand oder Nutzen vergrößern kann, ohne den Wohlstand oder Nutzen eines anderen zu beeinträchtigen. Für die ökonomische Analyse sind solche theoretischen Modelle optimaler Effizienz durchaus sinnvoll.