Frau Haschlerka? Tja, wer ist diese ominöse Frau Haschlerka? Sie trägt sehr graue Blusen und hat um einen knappen Lebenslauf der Carolina Rubeschova gebeten. Das ist vorerst alles, was wir über die Adressatin dieses Schreibens erfahren. Wir sind ihr trotzdem überaus dankbar, denn den besagten Lebenslauf der Carolina haben jetzt auch wir erhalten. Knapp ist er gar nicht geraten, kantig ist er, enthält "alles im Hintergrund Versteckte". Carolina erzählt unverstellt und genau - mit der Selbstgewissheit, die sie sich in der von ihr erzählten Zeit erkämpft hat: "Ich mag Details."

Die vierzehnjährige Carolina, Jahrgang 1982, lebt mit ihren Eltern in dem tschechischen Nest Ranow, ihre Haupttätigkeitsfelder: Schule und Ballett. Ihr schönstes Hobby: Besuche bei der Oma in Prag. Bis Lev kommt: "Er hatte eine Band, in der er Gitarre spielte, einen Onkel in Kanada, der ihm die fetzigsten Shirts schickte, und er trug lange Dreads. Er sah tatsächlich aus wie ein Löwe mit einer prächtigen Mähne." Und obendrein: Lev verliebt sich auch in Carolina.

Merkwürdiger Auftakt für die jungen Liebenden: Bei einem ersten Rendezvous auf dem Glockenturm der Kirche gerät Carolina ins Rutschen und landet mit Schienbeinfraktur für drei Monate im Krankenhaus. Erst während eines Besuches bei der Oma bewegt sich Carolina wieder ganz normal. Die patente Frau zögert nicht, die Enkeltochter bei einer Freundin in einer Prager Ballettschule vortanzen zu lassen. Es wird eine einschneidende Niederlage für Carolina. Eine Stunde harter Kritik aus kompetentem Munde: "Deine Hüften sind nicht weit genug auseinander. Das ist für jede Ballettänzerin ein Handicap." Oberer Duchschnitt - ja, "aber in die Extraklasse schaffst du es, meiner Meinung nach, nicht."

Die Szene wirft ein Schlaglicht auf das erzählerische Niveau der Autorin Iva Procházková. In wenigen Zeilen entwirft sie eine faszinierende Charakterisierung ihrer Heldin. Denn da ist noch etwas, was die Balletteuse scharfsichtig entdeckt hat: "Ich weiß nicht genau, wie ich das ausdrücken soll, aber in deinem Bewegungsbild spürt man eine gewisse Widerspenstigkeit. Als ob du absichtlich gegen den Tanz gehen würdest. Du lässt nicht zu, dass der Tanz dich beherrscht, du willst unbedingt den Tanz beherrschen."

Carolinas Niederlage im Ballett ist nichts anderes als der Sieg ihrer Persönlichkeit. Ein sehr schmerzvoller Sieg, zehn Jahre hat sie getanzt und soll nun unter Tränen das Tutu an den Nagel hängen? Und keine Ausflucht, dazu ist dieses Mädchen schon zu klug: "Aber ich weiß, dass sie Recht hat! Und deswegen bin ich nicht schlecht gelaunt, sondern schrecklich unglücklich!" Basta.

Ein Unglück kommt auch hier nicht allein. Die Liebe zwischen Carolina und Lev geht auf verschlungenen Wegen und wird ihr offenes Ende irgendwo zwischen Tschechien und Kanada finden. Inmitten des Schlamassels des Lebensschmerzes aber erringt Carolina den Sieg. Sie siegt im Theater, sie wird Eliza Doolittle. Und unter den strengen Augen der Frau Haschlerka besteht sie die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule. Was hatte Lev doch so ehrlich auf die letzte Kassette für Carolina gesprochen: "In allem, was du getan hast, steckten so viel selbstverständliche Eigenständigkeit und Lust und Energie! Es hat mich neugierig gemacht. Angezogen." Iva Procházková hat ein wunderbar prägnantes Buch geschrieben.

Iva Procházková: Carolina. Ein knapper Lebenslauf