Wieder eine Übernahme in der Chemiebranche: Dow Chemical schluckt Union Carbide. Von der Produktpalette her sind die zwei amerikanischen Unternehmen eher unspektakulär. Sie produzieren Polyethylen für Plastiktüten und Polyurethan für Turnschuhsohlen, Autohimmel und andere Allerweltsprodukte. Trotzdem sind die beiden Firmen weltbekannt. Besonders Union Carbide hat durch einen Unfall im indischen Bhopal im Jahr 1984 traurige Berühmtheit erlangt. Bei der größten Chemiekatastrophe aller Zeiten gab es 3000 Tote und rund 50 000 Verletzte.

Obwohl das alles schon fast 15 Jahre zurückliegt, kann man die Übernahme heute als späte Konsequenz des Unglücks von damals betrachten. "Von den Folgen dieser Giftgaskatastrophe", so urteilt Oliver Schwarz von der Baden-Württembergischen Bank in Stuttgart, "hat sich Union Carbide nie wieder richtig erholt." Ein indisches Gericht verurteilte das Unternehmen zu einer saftigen Strafe. Außerdem war der Ruf des Chemiekonzerns beschädigt. Derart geschwächt, gelang es dem Management im Jahr darauf nur mit Mühe, die Übernahmeattacke des Wettbewerbers GAF abzuwehren.

Zurück blieb eine hoch verschuldete Firma, die fortan keinen Management-Trend ausließ, um wieder auf die Beine zu kommen. Mit wenig Erfolg. Von gut 98 000 Arbeitsplätzen vor der Katastrophe sind inzwischen nur noch 12 000 übrig.

Zunächst versuchte es die Unternehmensleitung in Danbury mit simplem Stellenstreichen. Dann kam das Reengineering in Mode, und die Union-Carbide-Manager versuchten die Prozesse zu optimieren. Anschließend besann man sich auf die Kernkompetenzen. Wichtige Umsatzkonstanten wie die Industriegase (Praxair) sowie das Batterie- und Grafitgeschäft (Ucar) wurden abgespalten. Auch das Unglückswerk in Bhopal wurde verkauft.

Als nächstes predigten die Unternehmensberater den Shareholder-Value, und die Chemie-Manager nahmen sich vor, das Geld ihrer Aktionäre zu mehren. Noch vor zwei Jahren versprach Union-Carbide-Chef William Joyse großspurig, er werde sein Jahresgehalt zurückzahlen, wenn er zur Jahrtausendwende nicht mindestens einen Gewinn pro Aktie von vier Dollar erwirtschaften könne. Dieses selbst gesteckte Ziel war aus damaliger Sicht noch nicht einmal besonders ehrgeizig. Vermutlich hätte Union Carbide das sogar erreichen können, urteilt Chemie-Analyst Schwarz. Allerdings nur knapp. Unglücklicherweise ist der Gewinn pro Aktie, der 1997 noch weit über der angekündigten Marke lag, seither kontinuierlich gesunken.

So wurde Union Carbide wieder zum Übernahmekandidaten. Immer häufiger kursierten in jüngster Zeit Gerüchte an der Börse. Auch die deutsche BASF wurde als Interessent genannt. Nun hat Dow Chemical zugeschlagen.

Auch bei Dow hat man in den vergangenen Jahren über Kernkompetenzen nachgedacht. Dabei übernahm das amerikanische Unternehmen unter anderem Teile der ostdeutschen Petrochemie (Buna). Wenig später verkaufte Dow sein Arzneigeschäft (Marion Merrel Dow) an Hoechst. Durch die Beschränkung auf das klassische Chemiegeschäft gibt es jetzt eine Menge Überschneidungen mit der Produktpalette von Union Carbide, die sich nach der Übernahme trefflich zum Kostenstreichen nutzen lassen. Dow hat seinen Namen übrigens ebenfalls durch Schlagzeilen auch bei Branchenfremden bekannt gemacht. Wegen gesundheitsschädlicher Brustimplantate aus Silikon wurde das Unternehmen vor einigen Jahren zum Schadensersatz verurteilt.