Brav, lobte die Köchin das Suppenhuhn, als es ergeben in der Brühe schwamm. Du bist ja ein ganz liebes Tier! - Und in Richtung Hühnerhof, wo das überlebende Federvieh durcheinander rannte und krakeelte, drohte sie mit der Geflügelschere: Ruhe! Nehmt euch mal ein Beispiel und lernt endlich schwimmen!

Die bekannte Volkspädagogin Birgit Breuel, von 1991 bis 1994 Chefin der Treuhand-Anstalt, hat die Deutschen abermals zum Großen Sprung nach vorn, in Richtung Einheit, aufgerufen. Da sich die ostdeutschen Lebensverhältnisse denen des Westens nur unwillig angleichen mochten, propagiert Frau Breuel via Bild nun den umgekehrten Weg. "Das kann der Westen vom Osten lernen" - ach, wie lange hatte der Ostpatriot auf diese Schlagzeile gewartet, wie empfänglich war er längst für jede Schmeichelei! Aber als er dies erfuhr, ging's ihm wider die Natur.

Gelobt und zu altbundesdeutscher Nachahmung empfohlen: die Reformfreude der Ostler, ihre Dienstleistungsbereitschaft, ihr machtvolles Rufen nach späterem Ladenschluss (das große vaterländische Thema dieses letzten Sommers vor der Jahrtausendwende). Entdeckt und sogleich gepriesen: die Technologiebegeisterung ostdeutscher Unternehmen (Fujitsu/Sömmerda, VW/Dresden), stimuliert "durch den massiven Umbruch der Industrie", welchen Birgit Breuel ihrerzeit zu gestalten half. Und wie menschlich souverän befreien sich östliche Sozialpartner aus tariflichen Bindungen und finden "flexible betriebliche Lösungen" - eine Biegsamkeit, die der gesunden Arbeitnehmerpersönlichkeit auch privat zugute kommt: "Bei der Suche nach einem Arbeitsplatz haben Tausende von Bürgern einen Wohnortwechsel in Kauf genommen. Vorbildlich!"

Der Mensch hat Wurzeln? Das Kapital hat Räder und Flügel, und wer ihm folgen will, der zeige "Einsicht in die Notwendigkeit", so Birgit Breuel mit genau der Formel, die gelernten DDRlern als zynische SED-Definition von Freiheit bis zum Kotzen diktiert worden ist. Wir unterstellen der Loberin des Ostens diesen Zynismus nicht. Wir pflichten ihr sogar bei, wenn sie etwa die kleinen intimen Ostuniversitäten den westdeutschen Massenunis vorzieht oder die Behördenhörigkeit der Ostler für geringer hält. Dass aber die Ostler bessere Verteidiger dieser Demokratie seien, dass wird auch dann nicht wahrer, wenn man ihnen mit der 89er Revolution um den Bart geht. 1989 war der emanzipatorische Aufstand eines Volkes, das Sozialität nicht ohne Freiheit leben wollte - freilich auch nicht umgekehrt. "Es ist mir klar geworden, dass die Begriffe Freiheit und Gleichheit unversöhnlich sind", sagte, unter Schmerzen, kürzlich im Tagesspiegel keinesfalls Birgit Breuel, sondern Klaus Bednarz, einer der letzten öffentlich Erwachsenen dieser neoliberalen Juxgesellschaft BRD. Er sagte auch: "Es wird immer wieder Menschen geben, die dem Prinzip der größtmöglichen Rivalität das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit gegenüberstellen werden." Nach der Menge und der Macht solcher Menschen bemisst sich die Höhe einer Zivilisation.