In Österreichs führendem Revolverblatt, das allen Österreichern schon bei der Geburt an die Schläfe gehalten wird, fand ich einen Satz speziell für deutsche Leser: "Eine sündteure Havanna rauchend, war Schröder um keine selbstbewußte Antwort verlegen." Solche Sätze passieren, um es vornehm zu sagen, wenn die Konventionen der Literarizität außer Kraft gesetzt sind. Aber das Eigentümliche ist, dass diese Sätze keinesfalls so dumm sind wie ihre Verfasser. Im Gegenteil, die Sätze sind klug und witzig und übertreffen alles, was die Verfasser an Sprache beherrschen. Erst dort, wo sie die Kontrolle verlieren, kommen ihre schönsten Leistungen zustande.

Nach solchen Leistungen fahnde ich, und ich streite nicht ab, dass man leicht hochmütig wird, wenn man sich dieser Fahndung verschreibt. Dann sieht man zum Beispiel Erfolgsromane, Weltbestseller wie Weit wie das Meer von Nicholas Sparks, erschienen bei Heyne, ausschließlich aus dieser Perspektive. Immerhin ist Message in a bottle - so der amerikanische Originaltitel - derzeit im Kino zu sehen. In den Hauptrollen: Kevin Costner, Robin Wright Penn und Paul Newman, eine unschlagbare Triade, aber was vermag sie gegen die Sätze, die tatsächlich ganz genau so sind, wie sie im Buche stehen: "Nichts, was uns viel bedeutet, ist leicht. Vergiß das nicht!" Wer könnte es jemals vergessen? Das wäre schon sehr schwer.

Gewiss, Weit wie das Meer ist eine leidenschaftliche Liebesgeschichte voller Tragik. Es zählt wohl zu den tragischen Seiten, dass die Leidenschaft unter anderem auch so geoffenbart wird: "Zugegebenermaßen fehlte ihr auch der körperliche Aspekt der Liebe." Was diesen Aspekt betrifft, schätze ich besonders den folgenden Satz: "Sie sahen sich weiter in die Augen - überwältigt vom Schatten vager Möglichkeiten." Ich erinnere mich an meine Jugend, als ich mich oft im Schatten vager Möglichkeiten sonnte.

Besagte Sätze sind natürlich Dichtkunst, im Vorhinein schon hingeschrieben als Zitat. Aber das besondere Talent von Nicholas Sparks liegt im Verschleppen der Handlung. Der Dichter baut seine Erzählungen vorzüglich aus retardierenden Momenten auf. Die Nahrungsaufnahme bei Hank's ermöglicht einen guten Einblick in eine rundum vernünftige Restaurant-Gebarung: Bei Hank's - das Lokal war schon eine Legende, bevor die Touristen nach Wrightsville Beach kamen - gibt's freitags und samstags keinen Tisch, es sei denn, man wartet Stunden. Das liegt am ausgewogenen Preis-Leistungs-Verhältnis. Jeden Morgen bekommt Hank eine riesige Lieferung mit frischem Fisch und Garnelen. Leserherz, was begehrst du mehr? Bedenkt man außerdem, dass kein Gast jemals mehr als zehn Dollar bezahlt hat, und zwar einschließlich Trinkgeld und ein oder zwei Bier, dann weiß ein jeder, dass Hank's nur eine Legende sein kann.

Auch die Nahrungszubereitung im Eigenheim ("Die Glut muß heiß sein für ein gutes Steak") ist nicht ohne, nämlich nicht ohne Zutaten: "Als alle Tomaten gewürfelt waren, gab er sie in eine Salatschüssel und wischte sich die Hände an einem Stück Haushaltspapier ab."

Warum krallt sich Hollywood so einen Roman? Das liegt wohl an der Story, die sich nicht zuletzt um eine Flaschenpost dreht: Die Flasche enthält einen Liebesbrief an eine Verstorbene, und von dieser am Strand aufgelesenen Liebe ist die Kolumnistin einer Bostoner Zeitung dermaßen begeistert, dass sie den anonymen Briefschreiber sucht und findet. Ganz anders als ich hat meine Bostoner Kollegin eine Kolumne in Reserve und kann daher nach Lust und Laune herumreisen. Dafür aber hat sie ein Problem: Sie lernt den Briefschreiber zu lieben, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil der ein Mann ist, der eine Frau auf ewig liebt. Würde er jetzt einfach die Kolumnistin lieben, dann verschwände auch der ursprüngliche Reiz, nämlich seine Fähigkeit zur absoluten, über den Tod hinausgehenden Treue.

Ihm geht es spiegelverkehrt: Er, ein Tauchlehrer, fühlt sich zur lebenden Kolumnistin hingezogen, aber deshalb kommt es ihm auch vor, als würde er seine liebste Tote betrügen. Wie wird das nur enden? Ich sage, Hollywood, "die Traumfabrik", ist ein Flaschenpostamt: Dort werden die Sehnsüchte anonym angeschwemmt, zusammengekleistert, mit Namen versehen und distribuiert. Die Seele ist ein weites Meer und seelenkundlich gesprochen ist Message in a bottle die Text gewordene Liebesfantasie von Liebesunfähigen, deren Narzissmus zu träumen beginnt, sich nach "dem Anderen" sehnt, was sich am Ende in katastrophalen Visionen von "ewiger" und "tragischer" Liebe niederschlägt.