O Gott, gleich fällt er tot um. Die Finger krallen sich in das Stehpult, der Schädel zittert, die Augenlider klappen herab. Der Atem stockt, nur ein einziger Satz geht noch: Ich lasse mich nicht kleinkriegen.½ Plötzlich ein scheues Lächeln, er atmet aus. Ich kann nicht mehr, aber ich muss ja weiterlächeln½, stöhnt Emil Beck, der große alte Mann des deutschen Fechtsports. Perfekt, diese Vorstellung. Soll man applaudieren?

Der Chef des Olympiastützpunktes im fränkischen Tauberbischofsheim spielt viele Rollen. Im Augenblick, in der größten Krise seines 64-jährigen Lebens, gibt er am liebsten die Alle-Welt-ist-gegen-mich-Nummer. Dabei hat er es doch nur gut gemeint mit dem Sport, als er vor kurzem zwei enge Mitarbeiter, beide Olympiasieger, aus ihren Positionen im Fechtzentrum drängen wollte: Matthias Behr, Leiter des Fecht-Internats, und Alexander Pusch, Bundestrainer. Zu wenig Leistung hätten die beiden gebracht, seit Jahren, und ihr Privatvergnügen über den Sport gestellt. Als Becks Attacke gegen die prominenten Fechter bekannt wurde, fielen Athleten, Presseleute, Politiker über ihn her.

Ein Denkmal des Leistungssports wackelt. Emil Beck, der Schmied von über 160 Medaillen, der Herrscher vom Taubertal, wird nervös. Will hier jemand sein Lebenswerk vernichten? Wehe dem. Mich hat man immer unterschätzt½, sagt er. In der vergangenen Woche tat Emil Beck etwas, was er noch nie getan hat: Er räumte Fehler ein. Und verkündete etwas, was nach Zugeständnis klingt: Er werde im Herbst nicht zur Weltmeisterschaft mitfahren und sein Amt als Cheftrainer½ aller Fechter vorerst ruhen½ lassen. Am Wochenende musste er gar zusehen, wie erstmals ein Gremium, das er nicht selbst berufen hatte, über ihn zur Schlichtung saß. Und ihm Frieden diktierte: Der verstoßene Oympiasieger Behr soll zurückkehren in die Fechtschule.

Doch Vorsicht. So einfach ist Deutschlands Fechtmeister nicht zu besiegen. Beck ist nur einen lästigen Angestellten nicht losgeworden. Und verlässt nur für eine Weile eine Stellung, die es offiziell nie gab. Zum Cheftrainer½ hatte er sich einst selbst ernannt. Nur Emil Beck bestimmt, wie weit sich Emil Beck zurückzieht.

Er schnaubt, stürmt aus dem Zimmer und schmeißt die Tür ins Schloss. Er hastet über den Flur, vorbei an der Bildergalerie, Emil Beck mit Helmut Kohl, Emil Beck mit Richard von Weizsäcker, Emil Beck mit Gerhard Mayer-Vorfelder. Nie habe ich bei einem Politiker um etwas gebettelt.½ Die seien alle freiwillig gekommen. Hat doch Beck Deutschland bei Fechtturnieren zur Sieger-Nation gemacht. Emil Beck reißt eine Tür auf, Los Angeles, Olympia 1984½. Eine neue Fechthalle als öffentlicher Dank für Medaillen. Für jeden großen Triumph Geld vom Staat für einen Anbau. Drei deutsche Fahnen auf einer Stange½, sagt Beck, 1988, Olympische Spiele in Seoul½, der größte Erfolg, danach kam das½: Er marschiert in das Zentrum für Physiotherapie. Eigentlich müsste er heute ein paar Bauten wieder abreißen. Seine Fechter bringen kaum noch Medaillen heim, bei den vergangenen Spielen, 1996 in Atlanta, nur einmal Bronze.

Die Formel Beck gleich Erfolg gleich Geld½ geht nicht mehr auf. Das macht ihn wütend. Die Leute im Zentrum fürchten seine Ausbrüche. Kaum einer, den er nicht schon mal angebrüllt hätte. Er misstraut Menschen, die ihm untertan sind, also allen. Die Versäumnisse eines jeden lässt er alle paar Tage auf Zettel tippen und in die persönlichen Briefkästen im Fechtzentrum stecken. Big Papa is watching you.

Der Übervater von Tauberbischofsheim ist böse auf seine Familie. Was hat er aus diesem Nest Tauberbischofsheim gemacht? Kannte doch früher niemand.½ Was hat er nicht alles für diesen Sport getan? Daimler ist noch immer Hauptsponsor, undenkbar in irgendeiner anderen Randsportart. Anja Fichtel-Mauritz hat er groß gemacht, Deutschlands erfolgreichste Fechterin, und genauso all die anderen Helden. Niemand ist durchs Sieb gefallen.½ Limousinen vom Sponsor durften die Fechtkinder fahren, billige Baudarlehen habe er besorgt. Olympiasieger Behr, der bei Beck in Ungnade fiel und nun auf dessen Gnade hoffen darf, habe er ein Grundstück am Waldesrand gesichert. Und den hoch dotierten Job als Internatsleiter, obwohl Behr keine pädagogische Ausbildung hat.