Bagdady hieß das Weinbauerndorf, in dem er mit zwei älteren Schwestern die ersten Kindheitsjahre erlebte. Georgier bin ich½, betonte er später oft, als - so sein Biograf - Dank an deren Landschaft, als Sympathiebezeigung an das georgische Volk, dessen Sprache er von jung auf beherrschte. Später hieß das Dorf nach ihm.

Der Vater war dort staatlicher Forstmeister, nahm den Jungen oft ins Revier mit. In seiner Autobiografie hielt er fest: Sieben Jahre alt ... Gebirgspaß. Nacht und Nebel ringsum. Nicht mal Vater ist zu sehen. Schmalster Fußpfad. Vater hat offenbar einen Heckenrosenzweig am Ärmel mitgezerrt. Zweig und Dornen mit voller Wucht an meine Wange. Ziehe leise wimmernd die Stacheln raus ...½ Bald übersiedelte die Familie in die Forstmeisterei, ein größeres zweigeschossiges Holzhaus, und er kam in die Schule: Vorbereitungsklasse. Erste und zweite Klasse. Primus. Lauter Einser.½ Auch später war er ein guter Schüler, anstellig und rasch von Begriff. Am liebsten hatte er Geschichte und Zeichnen. Als ein Maler seine Zeichnungen sah, nahm er ihn als Schüler an.

Doch dann änderte sich alles: Vater starb. Hatte sich in den Finger gestochen (beim Heften von Schriftstücken). Blutvergiftung. Seither kann ich Nadeln nicht ausstehen. Wohlstand zu Ende. Nach Vaters Beerdigung saßen wir mit drei Rubeln da. Triebhaft, fieberhaft veräußerten wir Tische und Stühle. Brachen auf nach Moskau. Wozu? Nicht mal Bekannte hatten wir dort ...½ Sie schlugen sich durch, fanden eine Wohnung. Pension zehn Rubel im Monat. Ich und die Schwestern gehn zur Schule. Mama nimmt Kostgänger auf: arme Studenten. Sozialisten. Erinnere mich: erster Bolschewik, der mir begegnet.½ Mit 15 trat er dem bolschewistischen Flügel der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei, wo er sich bald als Propagandist bewährte und Mitglied des Moskauer Parteikomitees wurde. Im selben Jahr flog er vom Gymnasium, wegen Nichtzahlung des Schulgeldes. Kurz danach wurde er in einer Geheimdruckerei verhaftet, doch bald wieder freigelassen. Im Jahr darauf wurde er erneut verhaftet und blieb einige Zeit im Gefängnis. Wieder in Freiheit, besuchte er das Kunstgewerbliche Technikum in Moskau, wurde aber bald zum dritten Mal verhaftet, wurde wieder ins Gefängnis gesteckt und kam wegen Aufsässigkeit in Einzelhaft. Sein jugendliches Alter bewahrte ihn vor der Verschickung nach Sibirien. Er kam frei und ging nun auf die Moskauer Lehranstalt für Malerei, Bildhauerei und Baukunst.

Mit 20 machte er seine ersten poetischen Versuche und wurde nach der russischen Revolution durch seine moderne, mitreißende, kämpferische Sprache der wohl wirksamste Propagandist für den Kommunismus. Er schrieb Poeme, Dramen, machte Filme und hielt Reden, und als Zeichner und Maler gestaltete er zahlreiche Agitationstafeln mit eingängigen Bildergeschichten und verherrlichte so die Revolution und ihre Führer, wagte es aber auch, die neue Sowjetbürokratie und das alte Spießertum im neuen sozialistischen Gewande lächerlich zu machen.

Als er sich in einer Satire darüber mokierte, dass die Pateifunktionäre nie zu sprechen seien, weil sie immer in endlosen Sitzungen hockten, und er vorschlug: O Leute, beruft nur noch eine Sitzung - zum Zweck, alle Sitzungen auszumerzen!½ soll Lenin herzlich gelacht und hinzugefügt haben: Was die Politik angeht, so übernehme ich die Garantie, dass das vollkommen stichhaltig ist.½ Spätestens von da an, war er der Größte. Er war es wirklich, neben Gorkij. Doch entstand nun viel Neid, der gewaltig anschwoll, als er von der Bande dichtender Betrüger, Schieber, Kriecher½ sprach: Angesichts meines raufsüchtigen Charakters hat man mir so viele Hunde auf den Hals gehetzt und mich so vieler Sünden bezichtigt, auch nichtvorhandener, daß es mir manchmal verlockend scheinen will: irgendwohin zu reisen und zwei Jahre zu hocken, um nur das öde Gezänk nicht zu hören. Tags darauf ermanne ich mich ...½ Aber plötzlich war er todmüde ein Kehlkopfleiden ließ ihn befürchten, er werde nie mehr reden können. Er war 37, als sich mit einer Pistole ins Herz schoss. Man fand ein Abschiedsgedicht. "Der Zwischenfall ist, wie man sagt, bereinigt / das Liebesboot mußte am Dasein zerbrechen. / Bin quitt mit dem Leben. Unnütz und peinlich, / von wechselseitiger Kränkung zu sprechen ..." In einem kurzen Vermächtnisbrief warnte er vor Nachahmung und entschuldigte sich fürs schlechte Beispiel.

Wer war's?

Auflösung aus Nr. 32: Er war's: Der Schriftsteller Stefan Zweig (28. 11. 1881, Wien, bis 23. 2. 1942, Petrópolis bei Rio de Janeiro, wo er sich zusammen mit seiner zweiten Frau das Leben nahm). - Zit. wurde aus seinem letzten Buch Die Welt von Gestern - Erinnerungen eines Europäers, S. Fischer 1996 (Erstausgabe im Bermann-Fischer Verlag Stockholm 1944).