Die Außenminister des kaiserlichen Deutschlands sind in der Regel nur Fachleuten bekannt. Seit der Reichsgründung standen sie zumeist im Schatten der Reichskanzler, welche die Grundlinien der auswärtigen Politik selbst bestimmten. Daher waren sie tatsächlich kaum mehr als - so ihr korrekter Titel - Staatssekretäre des Auswärtigen. Dennoch gab es unter ihnen manche, die wie beispielsweise Alfred von Kiderlen-Wächter während der zweiten Marokkokrise 1911 oder Gottlieb von Jagow in der "Julikrise" 1914 eine wichtige Rolle spielten.

Zu diesen weithin unbekannten Außenministern gehört auch Paul von Hintze, der im Juli 1918 zum Nachfolger des von der Obersten Heeresleitung wegen seiner zu kompromissbereiten Haltung in der Friedensfrage gestürzten Richard von Kühlmann ernannt wurde. Um das Amt, das er übernommen hatte, war Hintze nicht zu beneiden. Als Mann der Rechten in der Öffentlichkeit verpönt, als Marineoffizier im Rang eines Konteradmirals im eigenen Amt misstrauisch beobachtet und mit hybriden Expansionsplänen vor allem im Osten konfrontiert, sollte er den bereits vier Jahre andauernden Krieg beenden.

Trotz erheblicher Zweifel am Sieg glaubte Hintze zunächst noch an einen "Frieden mit Ehren" auf der Grundlage von Verhandlungen. Die rapide Verschlechterung der militärischen Lage im September 1918 zerstörte diese Hoffnungen schneller als erwartet. Pragmatischnüchtern überzeugte der Außenminister Oberste Heeresleitung, Reichskanzler und Kaiser Ende September von der Notwendigkeit einer "Revolution von oben". Reich und Monarchie wollte er mit diesem radikalen Kurswechsel in der Innenpolitik und der gleichzeitigen Anbahnung von Friedensverhandlungen über den amerikanischen Präsidenten Wilson in letzter Minute retten. Die Hoffnung, dadurch die "Revolution von unten" vermeiden und zugleich die Verhandlungsposition gegenüber den Alliierten verbessern zu können, erwies sich jedoch binnen weniger Wochen als Illusion.

Bedeutsamer noch als Hintzes Konzept der "Revolution von oben" war seine Politik gegenüber der Regierung der Bolschewiki. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen als Marineattaché in Petersburg war er überzeugt, dass eine Unterstützung Lenins aus deutscher Sicht vorteilhafter sei als die erneute Machtübernahme durch eine den Alliierten zuneigende Regierung. Gegen massive Widerstände rettete er damit die Bolschewiki vor dem ansonsten wohl unvermeidlichen Zusammenbruch. Ohne dies auch nur ahnen zu können, stellte der deutsche Außenminister damit die Weichen für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert.

Das Leben dieses bürgerlichen Marineoffiziers und Politikers hat Johannes Hürter, Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München, in einer mustergültigen Edition ins Gedächtnis zurückgerufen. Die von ihm edierten mehr als 250 Dokumente werfen ein Schlaglicht auf entscheidende Entwicklungen und Ereignisse, aber auch immanente Widersprüche in der deutschen Politik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hintze, dessen vielschichtige Persönlichkeit weniger in den Dokumenten als vielmehr in der vorzüglichen, biografischen Skizze deutlich wird, erscheint als ein Mann, dessen Wirken "der tragische Zug der Ausweglosigkeit" anhaftet. Verantwortlich dafür war nicht allein mangelnde politische Begabung oder der Einfluss übermächtiger Kräfte. Obwohl Hintze die modernen Verschränkungen von Politik und Militär, Gesellschaft und Wirtschaft erkannte, dachte er, so resümiert Hürter zutreffend, noch vorwiegend in traditionellen Kategorien. Für zukunftsträchtige Konzeptionen und Visionen war in seiner Gedankenwelt kein Platz, das Scheitern daher zwangsläufig.

Paul von Hintze: Marineoffizier, Diplomat,

Staatssekretär Dokumente einer Karriere zwischen Militär und Politik, 1903-1918