Wenn wir sterben, so heißt es, zieht unser ganzes Leben in rasender Geschwindigkeit noch einmal an uns vorbei. All die in Warteschlangen verbrachten Ewigkeiten, all das verzweifelte Suchen nach Käsekuchenhilfe, das Anstehen an der Kasse, all die geistlosen Plaudereien mit dem neugierigen Gemüsemann - all das noch einmal? Nein, danke, sage ich. Und deshalb wird bei uns ab sofort nur noch einmal in der Woche groß eingekauft. Ruck, zuck, generalstabsmäßig, unter meinem Oberbefehl.

Das geht bei uns am einfachsten im Mega-, Giganto- oder Hyper-Markt oder wie er auch gerade heißen mag, denn er wird alle zwei Jahre mal von einem Lebensmittelmulti an den nächsten verkauft. Dann wird wohl der Geschäftsführer ausgetauscht, doch die Fräuleins an der Kasse bleiben dieselben, die Preise auch, sogar die Detektive, die am Eingang jeden Besucher nach seiner Eignung als potentieller Ladendieb begutachten.

Architektonisch lastet das Familien-Einkaufsparadies½ (Eigenwerbung) mit seiner Klotzbauweise auf unserem Viertel wie der Todesstern des Darth Vader im Universum. Trotzdem hat es besonders an Samstagen eine Anziehungskraft auf die Leute, denn hier bekommt man alles, was man so braucht. Von 28 verschiedenen Klopapiersorten bis hin zum sauteuren Rasierapparat mit allen Extras, den mein Jüngster soeben an der Kasse vorbeigeschmuggelt und deshalb die Alarmsirene ausgelöst hat, als wir uns und unsere Tüten gerade rausschleppen wollen. Mit Kindern passiert so etwas schon mal½, versuche ich den herbeigerannten Hausdetektiv zu beruhigen. Was ein Zweijähriger sieht, das will er auch haben.½

Und das nimmt er sich dann. Auch wenn er es gar nicht braucht½, fügt meine Frau hinzu. Bei einem Zweijährigen ist das Einstecken ein Reflex.½

Klar, besonders, wenn er von den Eltern trainiert wurde½, erwidert der Detektiv freundlich und bittet uns in sein gläsernes Büro in der hintersten Ecke der Verkaufshalle. Wo es nach verbranntem Kaffee und Knoblauchsalami riecht, weil sein Kollege - unrasiert und im Hochglanztrainingsanzug absolut perfekt als Durchschnittskunde getarnt - gerade sein Pausenbrötchen verspeist. Tjaaa½, empfängt er uns mit halbvollem Mund, Ladendiebstahl ist eine ernste Sache!½

Was Sie nicht alles wissen½, antworte ich, um gar nicht erst in die Defensive gedrängt zu werden. Dann sagen Sie mir doch gleich mal, wie hoch der Schaden ist, der dem deutschen Einzelhandel durch Unterschlagung seiner treuen Mitarbeiter jährlich entsteht?½

Seine Gesichtshaut läuft purpur an, er bleckt seine Zähne, da klopft es an der Tür. Eine Frau mit tiefen Ringen unter den Augen will wissen, ob sie ihre drei Kleinen auch hier abgeben kann, solange sie mit dem Einkauf beschäftigt ist? Meine Frau kriegt das gar nicht mehr mit, weil sie meint, sie müsse mir ausgerechnet jetzt die Leviten lesen, ob auch ich meine Augen vielleicht mal offen halten könne, statt immer nur alle mit großartigen dummen Sprüchen direkt ins Gefängnis zu bringen und so weiter. Ich gebe alle Vorwürfe unmittelbar an meine Kinder weiter.