Alexander von Humboldt war ein Preuße und ein Fantast. Als er (29) und sein Gefährte, der Botaniker Aimée Bonpland (25), nach einer strapaziösen und gefährlichen Seereise mit der spanischen Korvette Pizarro am 16. Juli 1799 im Hafen von Cumaná, Venezuela, an Land gingen, war die Erleichterung ebenso groß wie das Entzücken über den Anblick von Palmen, Flamingos, Mimosen und was der tropischen Angebote mehr waren. Sofort aber wurde auch das 100-teilige Thermometer in den heißen Sand gesteckt, es zeigte 37,7 Grad, in den kleinen Salzwasserlachen 30,5 Grad, im Hafen selbst wurden zwischen 25,2 und 26,3 Grad gemessen. So steht es in Humboldts Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents, einem Werk von 34 Bänden, publiziert zwischen 1805 und 1834. An seinen Bruder Wilhelm aber, Preuße und Professor der Sprachwissenschaften, schrieb Alexander: "Wir sind hier einmal in dem göttlichsten und vollsten Land. Wunderbare Pflanzen, Zitteraale, Tiger, Armadöle, Affen, Papageien und viele, viele echte halbwilde Indianer ... Welche Bäume! Kokospalmen, 50-60 Fuß hoch. Poinciana pulcherrima, mit fußhohem Strauße der prachtvollsten hochroten Blüten... Und welche Farben der Vögel, der Fische, selbst der Krebse (himmelblau und gelb)."

Am 16. Juli 1999 landete Reimar Lüst, der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, in Cumaná. Per Flugzeug. Ohne die Sextanten, Quadranten, Fernrohre, Mikroskope, Waagen, Pendel, Leidener Flaschen und galvanischen Apparate, die Thermo-, Baro-, Inklino-, Magneto-, Hygro-, Elektro-, Cynamo-, Äro-, Hyeto- und Eudiometer, die Humboldt im Schiffsgepäck führte. Dafür begleitet von Mitarbeitern der Stiftung, drei deutschen Wissenschaftlern sowie dem Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung und dem des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft. Man traf sich aus Anlass von Humboldts Landung zu einem Kolloquium mit ehemaligen Gastwissenschaftlern aus Costa Rica, Ecuador, Kolumbien, Panama, Peru, Trinidad und Venezuela.

Und als Otto von Helversen, Zoologe der Universität Erlangen, in einem der Plenarvorträge über die nächtliche, genau strukturierte Ernährungs-und Befruchtungskooperative der Fledermäuse und Blumen im Regenwald berichtete, war man im vollsten Humboldt-Land. Himmelblau und gelb. Aber zugleich im Zentrum dessen, was Humboldt als den eigentlichen und einzigen Zweck seiner Arbeit sah: "Das Zusammen- und Ineinanderweben aller Naturkräfte zu untersuchen, den Einfluß der toten Natur auf die belebte Tier- und Pflanzenschöpfung." Fledermäuse? Nachbarin, Eure Taschenlampe! Und später dann zum Hafen von Cumaná. Dort allerdings riecht es heute nach alten Fischen, irgendwo dröhnen die Ghettoblaster aus Hütten und unter Wellblechdächern. Am Strand steht ein schauerliches Monument, das einen Indianer und einen Franziskaner in sichtbar unfruchtbarer Begegnung zeigt.

Die Alexander von Humboldt-Stiftung, 1860 im Gedenken an den im kosmischen Zusammenhang agierenden Naturwissenschaftler und ersten Forschungsreisenden der Neuzeit gegründet, förderte zunächst die Arbeit deutscher Wissenschaftler im Ausland. Zweimal musste sie aufgelöst werden (1925, in der Inflation, 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs), 1953 wurde sie wiedergegründet, auf Anregung ehemaliger Stipendiaten, als eine Stiftung zur Förderung junger ausländischer Wissenschaftler, denen "ohne Unterschied des Geschlechts, der Rasse, der Religion oder der Weltanschauung" Gelegenheit gegeben werden sollte zu einem circa einjährigen Studienaufenthalt in Deutschland. Später wurde aus dem jungen Wissenschaftler ein "wissenschaftlich hochqualifizierter Akademiker" mit Promotion, Publikationen, unter 40 Jahren. Seit 1972 wird dieses Programm ergänzt durch das Feodor-Lynen-Stipendium, mit dessen Hilfe junge deutsche Wissenschaftler eine Zeit im Ausland an Instituten ehemaliger Humboldtianer arbeiten können. Seit 1997 gibt es das Georg-Forster-Programm, mit dem die Altersgrenze auf 45 Jahre erhöht wurde.

Einmal Humboldtianer, immer Humboldtianer - in Cumaná erinnerte Reimar Lüst an diese Devise der Stiftung, die mehr ist als eine gemeinsame Krawatte (das Tuch als Alternative), von Rührung geknotet und mit Humboldts fliehenden Krähenfüssen signiert. Was hinter diesem Satz steckt, ist die Programmatik dessen, was Humboldt selber praktizierte, der sein ganzes Vermögen nicht nur in die eigene Forschung steckte, sondern auch, bis an den Rand der Insolvenz, ein Leben lang Kollegen und Freunde gefördert und finanziell unterstützt hat. Die Humboldt-Stiftung, die pro Jahr bis zu 500 Stipendien vergibt, reist nicht nur zu festlichen Terminen. Sie ist, mit wechselnder Besetzung, mehrmals im Jahr und rund um die Welt unterwegs: um sich an Ort und Stelle über die Lebens- und Arbeitsbedingungen und die neuen Forschungen früherer Stipendiaten zu informieren, vielleicht auch einen Nachaufenthalt zu vereinbaren, einem Institut bei der Beschaffung wissenschaftlicher Geräte behilflich zu sein, neue Stipendiaten ausfindig zu machen. Welches Kapital in dieser Kombination von Kontinuität und Spontaneität liegt, kann man erleben, wenn man mit der Stiftung unterwegs ist. Die Verabredungen, die gemacht, die Anregungen, die notiert, und die Visitenkarten, die ausgetauscht werden, sind die Zinsen, die wieder zurückgehen an die Stiftung, um hier aufs Neue investiert zu werden.

Dass, wie sich herausstellte, bei einem Anstieg der Bewerbungen um ein Humboldt-Stipendium im Jahr 1998 ausgerechnet die Zahl der Stipendiaten aus Mittel- und Südamerika um circa ein Fünftel zurückgegangen ist, scheint kaum vorstellbar. In Cumaná konnte man etwas über die Gründe erfahren. Wissenschaftler, so ein Mediziner aus Caracas, werden nicht nur schlecht bezahlt, sie genießen auch kein gesellschaftliches Ansehen. Sie haben also Schwierigkeiten, sich für einen Stipendienaufenthalt zu qualifizieren. Wenn es ihnen dennoch gelingt, zögern sie, ihr Land für längere Zeit zu verlassen, weil das den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten kann. Und schließlich: Deutsch ist schwer zu lernen, Nordamerika ist, von ambivalenten Gefühlen im historisch-wirtschaftspolitischen Zusammenhang einmal abgesehen, näher, der angelsächsische Sprachraum für die Karriere verlockend.

Was soll man tun? Achselzuckend resignieren - vor allem auch angesichts der Tatsache, dass die Humboldt-Stiftung, die fast ganz aus Bundesmitteln finanziert wird, zur Zeit mit der Drohung einer Etatkürzung um 7,5 Prozent lebt. Die südamerikanischen ehemaligen Stipendiaten sind diejenigen, die am ferventesten dagegen Widerspruch einlegen, und sie haben auch Vorschläge, wie man, nicht zuletzt mit ihrer vermittelnden Hilfe und größerer Flexibilität auf deutscher Seite, die hier politischen und dort finanziellen Defizite, die sich so ungut ergänzen, konterkarieren kann. "I have my Deutsch vergessen", sagte ein älterer Herr, der vor 30 Jahren in einem deutschen Institut geforscht hat und dessen Publikationen inzwischen ins Englische, Französische und Italienische übersetzt wurden. "But all that I have achieved in my life comes from my stay in Germany."