Mit Karl-Hermann Flach, dem liberalen Vordenker der siebziger Jahre, hat Guido Westerwelle nicht viel gemeinsam. Das hindert ihn nicht daran, bei passender Gelegenheit seinen Amtsvorgänger zu zitieren: "Wenn die freie Gesellschaft in diesem Lande erhalten bleibt, dann wird die Lösung ihrer Probleme ungefähr in der Richtung unserer Thesen erfolgen. Und dann werden sich eines Tages große politische Parteien rühmen, diese Politik betrieben zu haben." Mit diesen Sätzen warb Flach 1971 für die Freiburger Thesen der FDP. Und mit Flachs selbstbewusster Prognose warb Westerwelle 25 Jahre später für das neue Programm der Liberalen.

Jetzt meldet der Generalsekretär Vollzug. Denn das Gedankengut seiner "neuen FDP" - bislang als neoliberale Gefahr für den Sozialstaat etikettiert - erobert die Agenda der rot-grünen Bundesregierung. Die hat gerade einen Sparhaushalt vorgelegt, der die Anstrengungen ihrer konservativ-liberalen Vorgänger als mutlose Stümperei erscheinen lässt. Arbeitsminister Riester will die Rente sichern und beginnt - wie anders? - mit Leistungskürzung und Eigenvorsorge. SPD-Fraktionschef Peter Struck zaubert die Steuerreform der Zukunft aus der Tasche. Es ist das alte FDP-Modell. Westerwelle wird Mainstream, so scheint es in diesen Tagen. Kein Wunder, dass er es genießt: "Blair hat's kapiert, Schröder hat's kapiert. Willkommen im Club." Flapsig triumphieren, keiner kann das so schön wie Westerwelle.

Guido im Glück? Nicht ganz. Denn auch die programmatischen Anleihen des politischen Gegners markieren nur einen weiteren Posten in Westerwelles paradoxer Bilanz: Erfolgreich und zugleich erfolglos agiert der FDP-Generalsekretär, seit er sein Amt im Dezember 1994 übernahm. Angriffslustig, ohne Rücksicht auf Traditionen, mit Energie und Optimismus verschaffte er den ausgelaugten Liberalen eine neue Leitmelodie. Bald war es die einzige, die aus der FDP noch zu hören war. Westerwelle hat die Partei konturiert, programmatisch erneuert und mit seinen Modernisierungsthesen die politische Debatte der letzten Legislaturperiode geprägt. Nur profitiert hat die Partei von ihrem neuen Auftritt bis heute nicht.

Sechzehn Wahlen hat Guido Westerwelle als Generalsekretär mitzuverantworten. Bei zehn scheiterte die FDP an der 5-Prozent-Marke. Selbst Erfolge wie zuletzt in Hessen, wo sie jetzt mitregiert, gingen mit Stimmenverlusten einher. In Bremen, einst FDP-Hochburg, schrumpfte sie im Mai dieses Jahres mit 1,9 Prozent zur Splitterpartei. 3 Prozent erreichte sie bei den Europawahlen - "halb so viel wie Grüne und PDS", stöhnt Westerwelle. Und während sich Gerhard Schröder "neoliberale" Rezepte aneignet, torkelt die FDP den nächsten Schlägen entgegen - in Brandenburg, Sachsen, Thüringen, vielleicht noch in Berlin und im Saarland.

Dabei wollte Guido Westerwelle den Machtverlust bei der Bundestagswahl als "symbolische Zäsur" nutzen. Schon Anfang 1998 hatte er die 30-jährige Regierungsbeteiligung in Bonn als entscheidende Hypothek für eine Renaissance der FDP ausgemacht. Ununterbrochen regieren und lauthals eine neue Politik propagieren passte nicht länger zusammen, das ahnte auch Westerwelle. Eher wurde das als anmaßend empfunden - ein Eindruck, den der schroffe, selbstbewusste Generalsekretär nach Kräften beförderte. Galt bislang Regieren als wahre Existenzform der Liberalen, so erschien nun die Oppositionsrolle als Chance, das Bild einer machtversessenen Partei zu korrigieren. Nach "48 Stunden Trauerarbeit" über das Ende der Koalition hatte Westerwelle das neue Erfolgsrezept parat: Befreit vom Kompromisszwang, würde sich die FDP nun als "klarstes Kontrastprogramm zu Rot-Grün" präsentieren. Nicht mehr an Mehrheiten orientiert, sondern an Inhalten, sah er seine Partei endlich vor der Metamorphose: Aus der "Funktionspartei" sollte die "Identitätspartei" werden - nicht länger als Mehrheitsbeschaffer gewählt, sondern um ihrer Politik willen.

So weit die Theorie. Westerwelle hält an ihr fest, obwohl die Erfolge weiter auf sich warten lassen. In der Praxis, beklagt er heute, sei die "symbolische Zäsur" des Rollenwechsels in die Opposition "noch gar nicht erfolgt". Zu diffus habe sich die Partei in den ersten Monaten präsentiert. Der Generalsekretär will es anders und sieht schon wieder einen "Neuanfang": Bislang "wurden wir als Überbringer unbequemer Botschaften abgestraft", erklärt Westerwelle die Rückschläge der Vergangenheit. Die FDP habe als "Eisbrecher" gewirkt. Doch nun, wo alle dem liberalen Trend nachgäben, lasse sich der nicht länger als "Turbokapitalismus" stigmatisieren. Nicht mehr so exotisch, aber auch nicht mehr so einsam erscheint Westerwelle die liberale Zukunft: Die Avantgarde wird eingemeindet. Mag sein. Nur hilft es der FDP, wenn künftig auch die anderen sich ihrer Inhalte bedienen?

"Wir bleiben das Original", macht sich Westerwelle Mut. Aber was bedeutet das? Bislang wollte ein Großteil der Wähler nicht glauben, dass liberale Reformen unvermeidlich seien. Jetzt liefert die SPD den Beweis. Werden die Wähler dafür die liberalen Urheber belohnen? Eher werden sie wohl auf die soziale Restkompetenz der Volksparteien vertrauen. Ausgerechnet die Grünen, deren Niedergang Westerwelle sonst gerne proklamiert, dienen ihm nun als Beispiel: Auch die Ökopartei sei als Original erfolgreich geblieben, als die anderen Parteien die Umwelt als Thema entdeckten. So soll es jetzt der FDP ergehen.