Eigentlich hatte er alles richtig und gut gemacht: Das Studium zügig beendet und an der Universität Bonn auch gleich noch die Promotion draufgesetzt. Trotzdem sah es für den Doktor der Chemie Bruno Frommberger vor zwei Jahren düster aus auf dem Markt, er fand keinen angemessenen Arbeitsplatz. Doch dann entdeckte er das Inserat dieser kleinen Firma aus dem Ruhrpott. Mikrosystemtechnik - davon hatte er noch nie gehört. "Ich habe aber nicht lange gefackelt", sagt Frommberger, "es war das interessanteste Angebot."

Heute arbeitet der 31-jährige Chemiker für die Firma microParts aus Dortmund in der Qualitätssicherung. Er reinigt mikrometerfeine Kanäle oder begutachtet Fertigungsmaterial für winzige High-Tech-Komponenten. Der typische Arbeitsbereich des Quereinsteigers hat eine Größe von etwa ein bis zehn Mikrometern (ein Mikrometer entspricht einem millionstel Meter, ein Haar ist 80 Mikrometer dick).

Bald so viele Mikrotechniker wie Stahlarbeiter?

Und in dieser winzigen Dimension liege eine große Zukunft, prophezeien viele Fachleute: Die Welt der Kleinstgeräte und -bauteile im Mikrometermaßstab sei im Begriff, ganz groß zu werden. Weltweit wird die Mikrosystemtechnik als Boombranche gehandelt. Von einer "Schlüsseltechnologie des nächsten Jahrhunderts" schwärmt beispielsweise das Bundesforschungsministerium und hat ein millionenschweres Förderprogramm aufgelegt. Es kursieren Wachstumsprognosen von bis zu 20 Prozent pro Jahr, der Weltmarkt solle schon bald im nächsten Jahrtausend auf ein Volumen von bis zu 70 Milliarden Mark hochschnellen. Gerne werden Vergleiche mit dem Beginn des Siegeszuges der Mikroelektronik vor 20 Jahren gezogen.

Doch gesunde Skepsis ist bei solchen Visionen angebracht. So weiß beispielsweise keiner genau, wie viel heute schon in Deutschland mit den Miniaturgeräten eingenommen wird. Der Markt besteht aus Hunderten kleiner und mittlerer Firmen, aus Instituten, Ausgründungen von Universitäten und den Forschungsabteilungen großer Unternehmen. Die Produktpalette reicht vom Miniaturroboter bis hin zum Airbag-Sensor für Autos oder Mikrozerstäuber für Medizin. Noch tüftelt man vielerorts an Serienreife und kostengünstigen Produktionsmöglichkeiten. Absehbar ist aber, dass künftig der Bedarf an den Kleinteilen beträchtlich wachsen wird. Absehbar ist auch, dass Deutschland ein gutes Stück vom Kuchen abbekommen dürfte: Im Entwickeln der Miniteile sind Deutsche, neben Japanern und Nordamerikanern, führend. Wie viele Jobs in den nächsten Jahren noch entstehen werden, ist allerdings ungewiss. Aber allein in Dortmund, einem Zentrum der Branche in Deutschland, soll sich nach den Planungen der Firmen die Zahl der Arbeitsplätze bald von heute 1000 auf 2000 verdoppeln. Dann würden in der Region ebenso viele Menschen für Mikrotechnikfirmen arbeiten wie in der kränkelnden Stahlbranche.

Nicht alle Mikrotechniker werden Akademiker sein: "Wir haben einen großen Facharbeitermangel in der Produktion", sagt Friedel Nöker, Fertigungsleiter bei microParts, "und jeden Neuen müssen wir selbst ausbilden." Der "Mikrotechnologe" ist ein anerkannter Beruf, allerdings hat noch niemand bisher die dreieinhalbjährige Ausbildung abgeschlossen. Und auch die zukünftigen Chefs der Mikrofacharbeiter werden meist noch gesucht. Allerdings bieten inzwischen viele Universitäten Studiengänge für Mikrosystemtechnik an. Der nordrheinwestfälische Industrie-Verband IVAM, eine Interessengemeinschaft von über 40 Mikrotechnikunternehmen, beklagt bereits einen Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. "In der Mikrosystemtechnik kann man den Nachwuchs noch mit flexibler, selbstbestimmter Arbeit ködern", sagt IVAM-Sprecherin Christine Neuy. "Aber nach ein paar Jahren kommt die Großindustrie und holt sie weg. Mit den Gehältern, die von den Großen für Ingenieure geboten werden, können wir noch nicht mithalten. Dafür gibt es spannende Themen, flache Hierarchien und junge Teams."

"Im Mikrobereich ist der Querschnittsexperte gefragt", sagt Horst Steg vom VDI/VDE Technologiezentrum Informationstechnik in Teltow bei Berlin. "Man muss über das eigene Fach hinausblicken und interdisziplinär arbeiten können." Die junge Technik verknüpft Mikro-, Material-, Bio- und Präzisionstechniken und ist deshalb etwa für einen Physiker ähnlich interessant wie für einen Ingenieur, Chemiker oder Biowissenschaftler. Breit gefächert sind auch die Anwendungen für Mikrosysteme und -bauteile, das Spektrum reicht von Medizintechnik und Maschinenbau bis hin zur Auto- oder Chemieindustrie.