Das Schweigegeld hat sich gelohnt. Eineinhalb Millionen Mark boten die Gründer des Börsenkandidaten Ricardo.de einer Gruppe Hamburger Auktionatoren, damit diese stillhielten und auf weitere gerichtliche Schritte verzichteten. Juristische Querelen, so das Kalkül, würden potenzielle Anleger nur verschrecken. Der Börsengang des Internet-Auktionshauses geriet so zum Erfolg: Das Unternehmen mit 20 Mitarbeitern erreichte über Nacht einen Börsenwert von rund 200 Millionen Mark. Von dem Gerichtsurteil, in dem wenige Wochen zuvor bescheinigt worden war, dass Ricardo.de mit seinem Kerngeschäft gegen die Gewerbeordnung verstößt, sprach niemand.

Doch das Stillhalteabkommen beim Börsengang von Ricardo.de hat den Neuen Markt, die Nachwuchsabteilung der Deutschen Börse, ins Gerede gebracht. Jungen, innovativen Unternehmen soll in diesem Börsensegment der Zugang zu dringend benötigtem Kapital erleichtert werden. Heute gilt der Neue Markt europaweit als erfolgreichste Kapitalsammelstelle. In jüngster Zeit aber häufen sich die Negativschlagzeilen. Vom "Hort der Gierigen" sprechen etwa die Aktienexperten von Hoppenstedt Research.

Die Deutsche Bank brachte Ricardo.de an den Neuen Markt, obwohl eine erneute Klage das Hauptgeschäft des Online-Auktionshauses, die Versteigerung von Neuwaren, mit einem Schlag zunichte machen kann. Wer den 80-seitigen Verkaufsprospekt genau studiert hätte, wäre gewarnt gewesen. Aber Emissionsprospekte werden am Neuen Markt selten genau gelesen.

Die Wachstumsbörse wird zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. Waren Ende 1997 nur 17 Unternehmen am Neuen Markt notiert, so buhlen heute mehr als 140 Firmen um das Kapital der Anleger. "Der Neue Markt wird zunehmend intransparent", warnt Heiko Bienek, Leiter der Aktienanalyse bei Independent Research. Was den hoffnungsvollen Newcomer vom mittelmäßigen Anbieter unterscheidet, ist für Anleger und Analysten kaum noch zu erkennen. Sie seien von der Masse an neuen Aktien "überfordert", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. "Die Zahl der Analysten hat mit der rasant gestiegenen Zahl an Neuemissionen einfach nicht mitgehalten."

Analysten gehen allzu unkritisch mit den jungen Unternehmen um

Zudem urteilen die Analysten nicht immer objektiv: Weil die Experten bei Neuemissionen regelmäßig den beteiligten Konsortialbanken angehörten, tun sie sich "ausgesprochen schwer damit, um es einmal vorsichtig zu formulieren, kritische Stellungnahmen abzugeben", heißt es bei Hoppenstedt Research.

Aus der Masse an neuen Werten ragt nur heraus, wer in den Augen der Analysten eine "Story" zu bieten hat. Um Aufmerksamkeit zu erregen, gehen manche Vorstände dabei auch mit der kleinsten Neuigkeit an die Öffentlichkeit. Sogenannte Ad-hoc-Mitteilungen, mit denen die Anleger über kursrelevante Entwicklungen - zum Beispiel einen Gewinneinbruch - informiert werden müssen, werden für Lappalien missbraucht. Selbst "neues Briefpapier", beobachtet Jürgen Oberfrank vom Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel, werde von Unternehmen schon mal ad hoc gemeldet.