Eine brisante Ladung, die der freundliche Toni da in seinem klapprigen VW-Bus Richtung Südfrankreich über den Brenner schleppt: auf dem rechten vorderen Sitz neben ihm Tante Agnes, die nicht seine Tante ist, sondern die von Zechkumpan Robert, dem er immer mal eine Gefälligkeit schuldet

auf der Rückbank Kumpel Harry, der sich von Zeit zu Zeit ausgiebig unter dem Hemd kratzt, nicht wegen der drückenden Hitze - es ist ein heißer Sommer -, sondern wegen des der Länge nach zusammengelegten, mit Sicherheitsnadeln in Fächer unterteilten Küchenhandtuchs, das er als Bauchbinde trägt, juckendes, aber sicheres Versteck für das Geld, das er vom Konto seiner Freundin, dieser Zicke, abgeräumt hat. Harry kann, was der Leser schon weiß, die Alte vorn nicht leiden, schon weil er ihretwegen auf die Rückbank musste. Aber Tante Agnes ist, was man erst später erfährt, auch nicht ohne.

Wie Harry, der durch landläufige "Gesundschrumpfung" und "Innovative Prozesse" ("So eine Scheiße!") um seinen Job gebrachte Saufkopp, "jetzt hoffnungslose 56", mit Tante Agnes aneinander gerät und nicht nur mit ihr, sondern letztendlich mit der Welt von Tante Agnes, der Zitronenbonbons verteilenden ehemaligen Chefsekretärin im blau karierten Reisekostüm mit weißem Blüschen und zart getuschten Wimpern (noch hoffnungsvolle 66), wie sich aus Stichelei und Flegelei und übellauniger Maulerei allmähli ch eine Kulisse tödlicher Bedrohung aufbaut, wie aus einer halb vorgespiegelten, halb genossenen Ferienidylle eine ganze Katastrophe wird, das erzählt Claudia Zamek in ihrer Katzenjammer-Geschichte aufs feinste.

Ihr Held Harry ist ein Scheusal, das man irgendwie lieb gewinnt. Harry ist ein armes Schwein und ein armer Hund. Wer ihm mit Freundlichkeit beizukommen versucht, kann freilich, wie Tante Agnes, sein blaues Wunder erleben. Harry schlägt zu und tot. Katzen und Menschen und Geckos. Er tut das auf eine unerwartete, fast obszön unschuldige Weise. Ja, Harry kann sogar komisch sein in seiner vom alkoholumnebelten Hirn gesteuerten schrecklichen Brutalität. "Gib'se jetz' Ruhe?", fragt Harry den Jungen, dem er mit der Flasche den Schädel zertrümmert hat. "Na also."

Claudia Zamek, die schon in ihrem "kriminellen ländlichen Roman" Das Unschuldslamm geheimen Spaß an der subtilen Komik des alltäglichen Bösen offenbart hat, fummelt glücklicherweise nicht in Harrys Seele herum. Sie beschreibt, was war und was ist, und das sehr genau. Sie ist, wenn sie nicht gerade Krimis vorhat, Malerin und Grafikerin, und so erzählt sie mit den Augen. Dass sie hinzuschauen versteht, macht die Lektüre auch im scheinbar belanglosen Detail vergnüglich. "Plastiktüten mit Beinen verdunkelten in unregelmäßigen Abständen das trübe Oberlicht", erfahren wir aus Tonis und Harrys Kellerbehausung. So was sieht nicht jeder.

Dass Harry so ist, wie er ist, sich so "unerwartet" verhält, hat natürlich eine Vorgeschichte. Sie geht dem Roman als Prolog voraus. Vor einem halben Jahrhundert ist Harry, mit einem Pappschild "Berlin ... Waise ..." um den Hals, auf einem Einsiedlerhof im Allgäu gelandet, als einer von 53 "Hosenscheißerln", wie der alte Hausmeister des Kinderheims sie allesamt rief in dem von Tante Sophie und Tante Mariele unterstützten Bemühen, dem Nachkriegsdefizit an Vätern möglichst unparteiisch zu begegnen. Hosenscheißerl Harry schloss zu jener Zeit Freundschaft mit einer streunenden Katze, die aber, als sie einmal unerwartet schreckhaft Krallen zeigte, Harrys Zuneigung nicht überlebte.

Wen wundert, was dabei herausgekommen ist? Katzenjammer. Bis zu Tante Agnes' erlösendem Schubs down über die Klippen.