Unter Kotzbrocken mit tätowierten Armen, die den lieben langen Tag in Trainingsanzügen herumlaufen (wenn auch nicht aus Beständen der NVA) und deren Lebensäußerungen insgesamt einer Chefarztgattin ständig speiübel werden lassen, lässt es sich durchaus auch im Westen leben: nur dass hier die Chefarztgattin in der Regel keine Gelegenheit dazu kriegt. Denn das Wohnen ist hier seit jeher einkommenskastenmäßig entmischt: In Aachen oder Wuppertal kriegt sie auf dem Weg zum Tennisplatz oder Kindergarten nur ihresgleichen zu sehen. In der DDR war diese Entmischung so ziemlich beseitigt.

Den Kulturschock von Luise Endlich finde ich deshalb begreiflich: Ansätze dazu kann man aber auch im Westen erleben, wenn zum Beispiel, wie in meinem derzeitigen Wohnort Göttingen geschehen, mitten in das Professorenviertel zwei Häuser für Flüchtlingsfamilien gebaut werden oder eine Anlaufstelle für entlassene Strafgefangene eröffnet wird. Abwehr und Entsetzen der eingesessenen Bewohnerschaft sind enorm: Es kommt sozusagen zu einer "sozialen Immunreaktion" schon bei dieser verschwindend geringen Berührung mit dem "Fremden".

Hermann Muntschick-Troe Göttingen

Der Artikel zu dem Buch NeuLand von Luise Endlich alias Gabriela Mendling zeigt das Dilemma der gut gemeinten "ganz einfachen Geschichten auf": Tiefere Probleme zwischen alteingesessenen Ost- und neu hinzugezogenen Westbürgern (zum Beispiel unterschiedliche Auffassungen von Religion und Erziehung, Autorität und Fremdheit, um nur einiges zu nennen) werden kaum gestreift. Dagegen werden Trivialitäten, die sich schon lange selbst erledigt haben, breit ausgewalzt. Stichwort: Mozzarella und Acrylpullover. Nach fünf Jahren eigener Erfahrung in Frankfurt (Oder) scheint mir, dass die im Buch beschriebenen Konflikte weniger auf einem Ost-West-Gegensatz beruhen als vielmehr auf individuellen Nöten.

Dr. Ursula Bock Treplin