Das ist, um es gleich vorauszuschicken, die erste Gesamtdarstellung des Bachmannschen Werks, die es unternimmt und wagt, ihrem Gegenstand auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, die Texte also nicht nur beflissen und gleichsam von unten zu bedienen mit "Forschungsergebnissen" oder sie scheinsouverän von oben literaturhistorisch zu vermessen. Nie vorher hat man dieses Werk trotz aller seiner Differenzen, Risse, Neuanfänge in solcher Einheit und auch Reinheit gesehen, so gesättigt mit Tradition, so auf der Höhe der Zeit, in einer späten Moderne, und damit auch bitter einsam, isoliert in der damals aktuellen deutschen Literatur der sechziger und frühen siebziger Jahre.

Dieses Gelingen ist, auch das kann nicht verschwiegen werden, erkauft mit hohen Unkosten, ja Verlusten. Nicht nur, weil Weigel, vertieft in Bachmanns Texte, entschlossen mit dem Rücken zum Leser schreibt und, hochgerüstet mit anspruchsvoller Theorie, mit Inbrunst fast nur für die Profizunft der Kenner. Sondern mehr noch, weil sie ihr Sicht- und Untersuchungsfeld rigid eingeengt hat und nun in einer Dauerdefensive verteidigt. Gegen alle angeblich naiven Zugriffe, ob durch "Einfluss"-Philologie, biografische Reduktion oder die Gemeinde der nach "Frauenliteratur" und "weiblicher Schreibweise" Süchtigen, vor allem aber gegen die störende Einrede sogenannter "Zeitzeugen". Denn wir alle, die wir sozusagen das Pech hatten, die Person Bachmann zu kennen, verkennen nun für Weigel notwendigerweise sowohl Person wie Werk. Klatschmäuler sind und waren wir, und lesen können wir offenbar auch nicht.

In diesem Buch nämlich ist Ingeborg Bachmann nur zugelassen als Textperson, gereinigt von fast allen Lebensspuren. So will das im Untertitel verkündete Programm verstanden sein, das also nur von Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses zu handeln verspricht. Damit zitiert Weigel die Ichperson im Malina-Roman und überträgt, naiv wie sonst nie, das Diskretionsbegehren einer ebenso ekstatisch wie ironisch gezeichneten Figur stillschweigend auf deren Autorin. So wirr die Begründung, so klar das Ziel: Hermetisch abgedichtet gegen alle Störungen einer privaten Erfahrungs- wie der gemeinen Außenwelt sollen hier Bachmanns Texte gelesen werden, neugierig auf die in ihnen verschlossene Lektüre - blind gegen die in sie eingegangenen Lebensspuren.

Gegen die allzu geläufigen Bilder oder Images der Bachmann - als poetische Sphinx oder (in Prosa) "gefallene Lyrikerin" oder Märtyrerin einer weiblichen Rolle - versucht das Buch ihren "Ort als Intellektuelle" zu rekonstruieren, im "Netz der zeitgeschichtlichen und literarischen Konstellationen". Folglich hat Weigel, misstrauisch gegen die Stimmen der Lebenden, die Archive der Toten aufgesucht, um nach Briefwechseln mit Szondi und Adorno, mit Arendt, Scholem, Kesten, Johnson zu stöbern. Viel Fleiß und Aufwand, mit letztlich bescheidenem Ertrag, der jedenfalls nur selten produktiv wird für eine neue Lektüre des Bachmannschen Werks.

Die muss sich Weigel Kapitel für Kapitel mit unermüdlich bohrendem Einsatz selbst erkämpfen. Und so intensiv sie sich dabei eingräbt ins Detail, nie verliert sie den Blick auf das Ganze, um in immer neuer Verknüpfung von Frühem und Spätem, der Lyrik mit der Prosa, der Bachmannschen Lektüre mit ihrer eigenen Textarbeit, ihres philosophischen Anspruchs mit dessen Aufhebung in Literatur das Unverwechselbare dieses Kunstprojektes zum Beispiel in allen seinen einzelnen Räumen, Nischen, Winkeln stets präsent zu halten, auch in seinen scheinbaren Schwächephasen.

Denn in ihrem Widerwillen gegen jede Art Biografie - die ihr doppelt falsch scheint, indiskret und unglaubwürdig, Geheimnisverrat und bloße Konstruktion - geht Weigel so weit, dass sie auch ihre Untersuchung nicht chronologisch, als folgerichtigen Entwicklungsprozess angelegt hat, sondern in kreisenden, sich überschneidenden, gegeneinander geschichteten Kapiteln, in immer neuen "Durchquerungen" (eines ihrer Lieblingsworte) immer anderer Motiv- und Themenfelder. Dieser Struktur, kühn und riskant, verdankt das Buch vor allem seine Erkenntis- und Anregungskraft, die Energie eines immer neuen Ansetzens trotz Ermüdungserscheinungen, den Sog der Argumentation, der auch den Leser hineinzieht ins hermetische Gelände.

Wer also belehrt werden will, staunend oder zweifelnd, über Bachmanns topografische Imagination, den Zusammenhang und das Fortschreiten ihrer Rom-, Wien-, New-York-, Berlin-, Wüsten- oder Prag-Szenerien - über Musik als Strukturprinzip in Gedicht und Prosa - über den langen Weg eines von Anfang an entschlossen antirealistischen Erzählens von bemühter Allegorie zu den polyfonen Spielpartituren der letzten Jahre - über Bachmanns wildes, erregtes Lesen und die Implementierung ihrer Lektüren im Text - über hier ganz neu gelesene Spuren der Wittgensteinschen Erkenntniskritik und Mystik oder die erstaunliche Nähe zur "Dialektik der Aufklärung" -, der muss und wird sich auf dieses Buch einlassen.