Washington

Das tragischste Kapitel in der Geschichte des Verfalls der russischen Wirtschaft sind die ausgehungerten, verwahrlosten Kinder, die in den zahllosen russischen Waisenanstalten untergebracht sind.

Vor zehn Jahren sahen wir ähnliche Bilder von elenden rumänischen Babys und Kindern in entsetzlich heruntergekommenen Waisenhäusern. Der Westen beeilte sich damals, diesen Anstalten großzügige Unterstützung zu gewähren. Doch als in Rumänien das rudimentäre Versorgungsnetz endgültig zusammenbrach, ermunterten die westlichen Hilfeleistungen mittellose Eltern, ihre Kinder loszuwerden. Besonders geistig oder körperlich behinderte Kinder waren betroffen. Das Ergebnis war, dass die Zahl der in rumänischen Waisenhäusern lebenden Kinder in zehn Jahren um 37 Prozent anstieg.

Heute sind humanitär gesinnte Abgeordnete des amerikanischen Kongresses geneigt, den gleichen Fehler in Russland zu begehen, indem sie Millionen Dollar in Pflegeanstalten pumpen, die aus der Sowjetzeit stammen. Dazu gibt es jedoch eine menschlich und wirtschaftlich bessere Alternative, die schnell umgesetzt werden sollte, um eine Tragödie ungeheuren Ausmaßes zu verhindern.

Nach Angaben der russischen Regierung befinden sich derzeit 500 000 Kinder in Anstalten, weitere 100 000 verlieren jedes Jahr ihre Eltern. Die überwiegende Mehrzahl sind "soziale Waisen", also Kinder, deren Eltern zwar noch leben, die aber außerstande sind, sie zu ernähren. Viele dieser Kinder sind geistig oder körperlich behindert und können in ihren Gemeinden nicht in geeigneten Pflegeheimen untergebracht werden. Daher hatten die Eltern bis vor kurzem keine andere Wahl, als ihre Kinder in staatliche Anstalten zu geben. Oft wurden sie unter Druck gesetzt, diese Entscheidung zu treffen.

Das Leben der Kinder in solchen Anstalten ist grauenvoll: Die familiären Bindungen lösen sich, die Kinder erhalten so gut wie keine Ausbildung und bekommen von dem überlasteten Pflegepersonal wenig menschliche Zuwendung. In diesem Umfeld verschlechtert sich ihre Behinderung.

Die Situation dieser Kinder ist ebenso dramatisch wie die amerikanischer Behinderter vor dreißig Jahren. Auch in den Vereinigten Staaten gab es damals so gut wie keine Sozialdienste für betroffene Familien oder Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Der Einsatz von Elterninitiativen und Bewegungen für die Rechte Behinderter hat in den vergangenen Jahrzehnten zur Schaffung von Sozialdiensten und Ausbildungsstätten geführt, die sich auch schwerstbehinderter Jugendlicher annehmen. In einigen US-Bundesstaaten wird kein behindertes Kind mehr in eine öffentliche Anstalt eingewiesen.