Kein Wunder, dass der Mann ein feines Gespür für Sprache hat. Fast zwei Jahrzehnte lang kam es bei seinen Erklärungen auf jede Nuance an. Ein falscher Zungenschlag, und die Finanzmärkte wären in Aufruhr geraten, Devisenkurse ins Bodenlose gefallen oder in unermessliche Höhen gestiegen. Eine unbedachte Formulierung konnte die Beziehungen zu anderen Staaten belasten und internationale Verwicklungen heraufbeschwören.

Nein, wehrt Hans Tietmeyer im Gespräch ab, "stolz" sei nicht das richtige Wort. Das habe für ihn immer einen etwas negativen Anklang. Aber "zufrieden" sei er, dass "wir ein hohes Maß an Preisstabilität erreicht haben". Die Genugtuung ist ihm anzusehen, als er, locker zurückgelehnt, in seinem Büro im zwölften Stock der Bundesbank sein Berufsleben Revue passieren lässt. Preisstabilität war und ist das Credo des promovierten Volkswirts, der Ende des Monats im Alter von 68 Jahren aus seinem Amt als Bundesbank-Präsident und damit auch aus dem Europäischen Zentralbankrat ausscheidet. Worum sich viele seiner Vorgänger allenfalls mit mäßigem Erfolg bemüht hatten, in seiner Amtszeit wurde es erreicht: ein stabiles Preisniveau nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in der ganzen Europäischen Union - ein Verdienst nicht allein, aber vor allem auch Tietmeyers.

Dem Ziel der Preisstabilität hätte er auch den Euro geopfert

Der Kampf gegen die Inflation war für Tietmeyer nie ein Selbstzweck, sondern das Bemühen, ein solides Fundament für mehr Wachstum und Beschäftigung zu schaffen. Wie sehr er weltweit seine Gesprächspartner damit nerven konnte, zeigt eine Anekdote aus den achtziger Jahren. Damals spottete der amerikanische Ökonom Rudi Dornbusch über den "Stabilitätsfanatiker", der seinerzeit als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium auch für die internationalen Finanzbeziehungen zuständig war: Wegen Unerreichbarkeit seiner Stabilitätsziele werde sich Tietmeyer bald verbittert zurückziehen und dann ein Buch schreiben: "Warum die Inflation auch diesmal nicht richtig bekämpft wurde - unter besonderer Berücksichtigung der Restzinsentwicklung bei zwölfjährigen Anleihen". Eine klare Fehlprognose, wie auch Dornbusch längst eingesehen hat.

Tietmeyer ist ein Überzeugungstäter, kenntnisreich im Detail und in der wissenschaftlichen Theorie. Dem Ziel der Preisstabilität hätte er allemal die Europäische Währungsunion geopfert, dem - nach der deutschen Einheit - wichtigsten Vorhaben der Bonner Politik in den neunziger Jahren. Für viele Befürworter der Einheitswährung ist es ausgemacht, dass Tietmeyer den Euro vereiteln wollte. Altkanzler Helmut Schmidt sah in dem Bundesbankchef, wie er 1996 in der ZEIT schrieb, "den wichtigsten Gegner der Währungsunion". Tietmeyer war damals tief verletzt, weil ihm Schmidt nicht nur ökonomische Motive, sondern auch Angst vor persönlichem Machtverlust unterstellte.

Der Noch-Bundesbank-Präsident sagt heute jedenfalls, dass er die Währungsunion nicht habe verhindern wollen. Quasi als Beweis führt er an, dass er als junger Beamter im Bundeswirtschaftsministerium an dem damaligen - später gescheiterten - Plan für eine Währungsunion mitgearbeitet habe und ausgerechnet Schmidt ihn einst als "unverbesserlichen Europäer" gescholten habe. Vielleicht trifft auch die paradox anmutende Spekulation eines deutschen Ökonomen zu: Tietmeyer habe so hohe Hürden verlangt, um daran die Währungsunion scheitern zu lassen, aber letztlich genau das Gegenteil erreicht - gerade wegen der rigorosen Konditionen wird der Euro ein Erfolg.

Es gibt keine wichtige wirtschafts- und finanzpolitische Weichenstellung in der Bundesrepublik, an der Tietmeyer in den vergangenen 37 Jahren nicht in irgendeiner Weise mitwirkte. Wie kaum ein Zweiter war er mit Ratschlägen, Empfehlungen, Vorgaben zur Stelle, wenn die Politik vor großen Herausforderungen stand: Zusammenbruch des alten Währungssystems, Ölkrise, Rezession, Haushaltskrise, Einschnitte in den Sozialstaat, Steuerreform, Börsencrash, neue internationale Finanzarchitektur.