Soll man seinen Freunden sagen, dass man reich ist?

Ich bin gebrandmarkt. Als Kind bin ich von Deutschland in die Schweiz gezogen. Bis dahin hatte ich nur unter Reichen gelebt, ich kannte niemanden, der wenig Geld hatte. In der Schweiz waren plötzlich die Kinder aus dem Tal meine Schulkameraden. Ich wurde zu deren Gespött, weil ich täglich von unserem Chauffeur in die Schule gefahren wurde. Da wusste ich, ich will so sein wie die anderen, will dazugehören, ich will nicht ohne eigenes Verschulden zum Außenseiter werden. Darum habe ich auch später selbst meine besten Freunde über meinen Reichtum im Unklaren gelassen. Ein bisschen was geahnt haben sie sicher, weil ich mit achtzehn der Erste in der Klasse war, der eine eigene Wohnung und ein Auto hatte. Wäre ich im Internat geblieben, wäre das nicht aufgefallen, da waren lauter Kinder reicher Leute. Die mochte ich nie, sie definierten sich nur über Geld: Ich habe was, was die anderen nicht haben. Deshalb bin ich wieder auf eine ganz normale Schule, aber da war eine eigene Wohnung natürlich nicht selbstverständlich. In dieser Wohnung habe ich mal ein verregnetes Wochenende hindurch mit einem Freund Karten gespielt, um Geld. Am Ende hatte ich 100 Franken verloren, und ich tat dem Freund so leid, dass er mir die Schulden erließ. Etwa ein Jahr später kam er in das Haus meiner Eltern und begriff, dass ich reich war. Er war stinksauer und verstand nicht, warum ich ihm das verschwiegen hatte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich nicht nur wegen meines Geldes gemocht werden will, ich sei da keine Ausnahme. Mein Reichtum war ja nicht nur für andere abstrakt, sondern auch für mich, weil ich ihn nicht selbst erwirtschaftet hatte. Heute, über 20 Jahre später, weiß ich immer noch nicht genau, ob, wem und wann ich sagen soll, dass ich viel Geld besitze. Mein Reichtum erschließt sich anderen wohl nicht von alleine. Nur Kunstkennern, die in meine Wohnung kommen, fällt auf, dass dort Originale hängen. Ansonsten wohne ich zur Miete in einer schönen, aber überhaupt nicht pompösen Fünfzimmerwohnung, in der keine Antiquitäten stehen, meine Frau arbeitet als Ärztin, wir fahren einen Passat. Aber einen mit Klimaanlage.

Soll man seinen Freunden Geld leihen?

Ein schlechtes soziales Gewissen hat in meinem Leben eine fundamentale Rolle gespielt. Ich musste mühsam lernen zu begreifen: Wenn ich mein Geld allzu großzügig verleihe, werde ich bald ein sehr einsamer Mensch sein. Vielleicht klingt das nach einer sehr geschickten Rechtfertigung des Geizes. Aber so einfach mache ich es mir nicht. Das hat auch was mit dem Alter zu tun. Früher, als ich so um die 20 war, liehen sich meine Freunde 3000 Mark von mir. Das war in diesem Alter ungefähr die Summe, die man brauchte, um sich große Dinge zu leisten. Jemandem 3000 Mark Schulden zu erlassen ist kein Thema. Heute jedoch leihen sich die Leute 100 000 Mark von mir. Ihnen die 100 000 Mark zu schenken würde mich kaum ärmer machen. Aber darum geht es nicht, sondern darum, ob meine Freunde auch dann noch meine Freunde bleiben können. Deshalb trenne ich Freundschaft von Geschäft, indem ich mit ihnen Verträge mache, die die Rückzahlung regeln. Das hilft ihnen und hilft mir. Im Namen der Freundschaft Geld zu verleihen, ohne Vertrag, nur auf der Basis: Ich zahl dir das natürlich zurück½, kann diese Freundschaft leicht zerstören. Denn können sie nicht oder nur schleppend zahlen, können sie mir nicht mehr in die Augen schauen. Erlasse ich ihnen die Schulden, um sie von dem Druck zu befreien, können sie mir auch nicht mehr in die Augen schauen. Generosität kann Leute auch in Schwierigkeiten bringen. Dass ich von niemandem Zinsen verlange oder den Zeitraum verlängere, in dem sie mir das Geld zurückzahlen können, ist selbstverständlich.

Was ich nie gemacht habe: Menschen Geld zu geben, die finden, ich hätte zu viel und sie zu wenig. Die kommen mit den Worten: Weißt, ich mag nicht arbeiten, und du musst nicht arbeiten. Wenn du mir ein bisserl was abgibst, können wir beide ein angenehmes Leben führen.½ Ich mache das auch deshalb nicht, weil es mir unangenehm ist, eine Schar von abhängigen Leuten um mich zu haben.

Was soll man im Restaurant bestellen?

Das hat mich früher wirklich beschäftigt. Mit früher meine ich: als ich mein Vermögen noch nicht als meines begriffen hatte, sondern mir allenfalls gestattete, es zu verwalten, und als alle außer mir wenig Geld hatten. Ich war unsicher, und wie immer ich mich verhalten habe, es war missverständlich. Alle gingen nämlich automatisch davon aus, dass ich mir im Lokal etwas sehr Teures bestelle. Aber Austern, Lachs und Kaviar mochte ich noch nie. Wählte ich etwas Billiges, glaubte mir keiner, dass ich es nehme, weil es mir schmeckt, sondern weil ich niemanden brüskieren will. Oder sie hielten das für eine Form von Understatement. Obendrein stand ich vor der Frage: Erwarten sie von mir, dass ich zahle? Oder würde ich sie mit einer Einladung viel mehr vor den Kopf stoßen, weil sie denken, ich gehe davon aus, sie könnten es sich nicht leisten? Heute hat sich das entspannt.