Salzburg ist heiß und schwül in diesen Tagen. In der Mittagshitze fängt die Luft über dem Asphalt an zu flirren. Die Festspielstadt hat ihre Betriebstemperatur erreicht - alles ist nun möglich. Gerade hat ein amerikanischer Immobilienmilliardär den Salzburger Festspielen sechs Millionen Dollar geschenkt. Einfach so. Er darf dafür ab sofort in jedem Programmheft den Festspielgästen entgegenlächeln: Wir danken dem größten Mäzen der Festspielgeschichte. Noch immer dröhnt einem das Donnerwort "Werktreue!" aus der Eröffnungsrede des Bundespräsidenten im Ohr, wenn man am neu erbauten "Mozartwohnhaus" vorbeiläuft oder in der Getreidegasse das mittelalterlich schmiedeeiserne Zunftschild von McDonald's bewundert. Der ganz normale Salzburg-Wahnsinn. Die Journalisten erzählen sich so lange sagenhafte Gerüchte über die Nachfolge von Gerard Mortier, bis die Wiener Zeitungen sie abdrucken. Und im ehrwürdigen Kaffeehaus Tomaselli ist man zwischenzeitlich dazu übergegangen, die salzburgkritischen (und mortierfreundlichen) Berichte aus der ausliegenden Presse des Auslands herauszureißen. Kleine Vorzensur als Service des Hauses? Beste Metternich-Tradition.

Ausgeleierte Tempi im neuen "Don Giovanni" Salzburg und seine unerschütterbare katholischbarocke Selbstgewissheit. Hinter jedem Starauftritt, hinter jedem hohlen Politikerstatement stehen drei Ausrufezeichen. Und die Fragezeichen? Der Zweifel, die produktive Verunsicherung über das Warum und Wie und Wohin von Mozart-Opern, von Musiktheater, von Kunst überhaupt? Hält sich trotz der acht Jahre Mortier nach wie vor in Grenzen in der Stadt. Wofür leider auch der neue Don Giovanni ein gutes Beispiel ist. Die Produktion folgt dem karajanesken Glauben, man müsse nur genügend spektakuläre Requisiten wie Oldtimer und Eisenbahnwaggons auf die Bühne schieben, die Kulissen ein bisschen höher (und totalitärer) als anderswo in den Schnürboden ragen lassen und den Wiener Philharmonikern einen ihrer Lieblings-Luxus-Maestri in den Orchestergraben stellen, und schon beginne so ein Meisterwerk zu leuchten. Tut es aber nicht. Das Stück war in den ausgeleierten Tempi von Lorin Maazel, seinem unangemessenen Schwelgen im seligen Augenblick und dem schlampigen Mozart-Ton des Orchesters kaum wiederzuerkennen. Und zum tollsten Einfall geriet dem Regisseur Luca Ronconi ein meterhohes Weltei, in dessen blutrotem Höllendotter Don Giovanni am Ende in einem kleinen Aufzug nach oben fährt. Die apart ausgeleuchtete hohle Kunstkugel - ein passendes Bild für den Salzburger Kosmos, in den Mortier mit dieser Don Giovanni-Produktion zurückgefallen ist.

Wie erfrischend sind dagegen doch die Luftlöcher, die das Zeitfluß-Festival in solcherart abgedichteten Festspielbetrieb bohrt. Zeitfluß, von dem der Altwiener Opernconferencier Marcel Prawy vor zwei Jahren angewidert behauptet hat, schon der Name klinge nach Geschlechtskrankheit, ist ein Forum für die unerschrockenen Feldforscher der zeitgenössischen Musik, für die heimatlosen Randexistenzen zwischen den Stilsparten, für musikalische Mondgucker, Traumtänzer und geniale Dilettanten. Von den Millionen der amerikanischen Mäzene können die Programmmacher Markus Hinterhäuser und Thomas Zierhofer-Kin nur träumen. In den ersten drei Ausgaben des Festivals bildeten Komponistengrößen wie Nono, Stockhausen, Feldman oder Scelsi den dramaturgischen Kern der Programme. In diesem Jahr haben sie sich ganz auf schräge Vögel und obskure Experimentatoren kapriziert.

Wundersame Kontraste kann man da erleben: Während Jessye Norman im großen Festspielhaus einen goldenen Liederabend zelebriert, spielt ein paar hundert Meter weiter im Residenzhof die Fanfare Ciocarlia. Elf Blasmusiker aus einem abgelegenen Dorf im Osten Rumäniens, die mit ihren gegerbten Gesichtern, verlebten Sonntagshosen und weit aufgeknöpften Blumenmusterhemden aussehen, als habe man sie direkt vom Kartoffelacker geholt. Aber in ihrem wilden, aberwitzig pumpenden Zigeunerjazz mit merkwürdig orientalischem Einschlag wirken betörend urwüchsige musikalische Kräfte. Oder der Chor der schreienden Männer: Mit todernsten Mienen stehen 32 Finnen breitbeinig auf der Bühne - und brüllen. Ihre Halsschlagadern schwellen an. Die Augen treten hervor. Sie schreien - so laut sie können und noch ein bisschen lauter - isländische Schlaflieder, Freude schöner Götterfunken und An der schönen blauen Donau. Skandieren in primitiven chorisch gegliederten Rhythmen, blasen Dachrinnen wie Alphörner - und singen nie. Raue finnische Männerkehlen als infernalisches Antibelcanto. Beängstigend. Ein Kind im Saal fängt an zu weinen. Musik? Wohl eher ein Naturereignis.

Alvin Lucier, der amerikanische Minimalist und Klangsucher aus dem Freundeskreis von John Cage, wiederum interessiert sich für alles, was man hört, wenn man nichts mehr hört. Mit Beharrlichkeit und meditativem Ernst arbeitet er an seinen obskuren Versuchsanordnungen. In seiner legendären, in Salzburg aufgeführten Music for Solo Performer aus dem Jahr 1965 werden mit Kopfhautelektroden Gehirnwellen des Interpreten aufgezeichnet und über Lautsprechermembranen in eine magische Schlagzeugmusik verwandelt. Es denkt der Musiker, und es rumpeln die Trommeln, zittern die Becken, klackern wie von Geisterhand bewegt die Holzstäbe. Eine spiritistische Sitzung, ein für Salzburg ganz ungewöhnlicher Ausflug der Gedanken.

Theater der Klänge haben die Zeitfluß-Macher ihre Festivalausgabe übertitelt. Mit ihren Programmen sind sie auf der Suche nach neuen Interaktionsmöglichkeiten von Klang, Raum und Bild - und demonstrieren, wie extrem die Wege dabei auseinander gehen können. Eine Festivalexpedition führte hinauf in das 2000 Meter hohe Gletscherpanorama des Kitzsteinhorns, die andere hinab in die lichtlosen Schächte der Technowelt. Hier das Naturschöne und dort reine Synthetik. Die Gruppe Granular Synthesis hat für ihre Multimedia-Performance Pol die Pixel von sieben Videoleinwänden mit ihren Musikcomputern kurzgeschlossen. Die tanzenden Körner generieren Klänge. Die rasenden, ratternden, lauten Beats wiederum manipulieren die Bilder, erzeugen farbige Lichtgewitter und vagierende Metamorphosen einer schreienden nackten Frau. Betäubendes Klangtheater, das von Bedeutung nichts mehr wissen und nur unmittelbar wirken will - spektakuläre Reizungen der Netzhaut, rabiater Kitzel der Hörnerven.

Ganz naiv mutet demgegenüber die Zeitfluß-Idee an, für ein Konzert die Kunst mit der Natur zu versöhnen, in der unberührten Landschaft eines einsamen Tals. Eine Klettertour von eineinhalb Stunden musste auf sich nehmen, wer die "sinfonische Aktion im Bergraum" Traumzeit und Traumdeutung von George Lopez hören wollte. Der amerikanische Komponist hat eine Vorliebe fürs Alpine. Seine riesigen Orchesterstücke wirken in ihrer schrundigen und düster zerklüfteten Faktur wie ins Akustische übersetzte Ansichten kolossaler Felswände. Am Kitzsteinhorn nun hat er seine Klänge in eine Urlandschaft eingepasst und die Musiker wie einsame Steinböcke in die Steilhänge platziert. Gedehnte Blechbläsertöne sind zu hören, von weit her, wie Mahlers Fernorchester herüberklingend, verhallende Rufmotive, sanft sich überlagernde Akkordblöcke. Aber keine imposante Musik. Die Naturkulisse scheint alles Kunstwollen zu absorbieren. Alles klingt klein, beiläufig, nicht so wichtig. Und so machen es sich die 400 Zuhörer bequem im rauen Gras des Hochtals, schließen die Augen oder öffnen die Brotzeitbüchsen. Hier und da vernimmt man ein Schnarchen. Traumzeit der Salzburger Festspiele.