Amerikanische Eskimos an der Beringstraße, bei denen ich vor kurzem zu Gast war, erzählten mir von einer erstaunlichen Besonderheit der Walrosse: Sie besitzen ein Zeugungsorgan mit Knochen. Jeder Russe kennt und benutzt die idiomatische Wendung Walrossschwanz½, allerdings nicht im positiven, sozusagen antiimpotenten Sinne, sondern im Gegenteil als Schimpfwort in der Bedeutung Idiot½. Und plötzlich verstand ich genau, wozu unser Präsident, den ich so eifrig unterstützte, als 1991 das sowjetische Imperium im Sterben lag, degeneriert ist.

In Moskau herrscht ungeachtet des sonnigen Wetters und der zarten, beinahe weißen½ nordischen Nächte allgemeine säuerliche Erschöpfung. Man hat den Eindruck, dass alle rundum die Nase voll haben, in erster Linie von Jelzin. Es reicht! Schluss! Meine Freunde - Schriftsteller, Künstler, Geschäftsleute, westliche Journalisten - haben schon vor Jahren auf Jelzin geschimpft, während ich ihm zähneknirschend Fehler um Fehler verzieh. Es stimmt, Tschetschenien war ein blutiges Gemetzel, aber Jelzin war trotzdem besser als die Kommunisten. Es ist wahr, Jelzin trank, war nicht wählerisch bei seinen politischen Verbündeten, verriet und verkaufte die jungen Reformer. Aber die waren zu theoretisch½ für den Dreck, den das postsowjetische Rußland darstellte.

Jelzin sollte den Kommunisten dankbar sein. Nur dank ihres horrenden ideologischen Revanchismus konnte er sich den Ruf des geringeren Übels verdienen. Und auch jetzt gibt es keine andere Wahl. Dass er aber, nachdem er Primakow gefeuert hat, sich auf die Verlängerung der Macht seines Familienkommissariates½ über das Jahr 2000 hinaus konzentriert, ist unerträglich. Seine Tochter Tatjana Djatschenko ist ja nett anzusehen - wie eine Erzieherin aus dem Kindergarten. Aber warum sollte sie Russland regieren?

Jelzin ist der Doppelgänger des alten Breschnjew. Unser Land erstickt an Korruption und Kriminalität. Die im Entstehen begriffene Mittelklasse Moskaus und anderer Großstädte heult vor Verzweiflung. Ich will mein Land nicht verlassen, aber ich will diese Leichenzersetzung nicht jeden Tag sehen. Schenkt mir lieber einen Wodka ein! Endlich habe ich eine Definition für den Kremlherrn gefunden - alter Walrossschwanz. Und mir ist leichter.

Na ja, es war nur so ein momentanes Gefühl.

ÜBERSETZUNG BEATE RAUSCH FOTO DETLEV STEINBERG Viktor Jerofejew schreibt jede Woche aus Moskau. Zuletzt ist im Aufbau-Verlag sein Buch Fluß½ erschienen, das er mit Gabriele Riedle verfasst hat.