Irgendwann wird das Spielfeld weiß sein und der Ball orange. Der Junge wird Handschuhe tragen und trotzdem frieren. Nie ist er sich so fremd vorgekommen wie jetzt. Er läuft einem Pass nach, aber im Schnee rollt der Ball anders, als der Junge es kennt, und er verfehlt ihn. Vielleicht rutscht er aus und stürzt. Die Zuschauer lachen. 17 Jahre und 10 Millionen Mark Ablöse. Man hat es gleich gewusst und gesagt. Der Junge ist das Geld nicht wert.

Willkommen in der Bundesliga, Roque Santa Cruz, neu unter Vertrag beim Deutschen Meister FC Bayern München. Am nächsten Wochenende beginnt die Saison, und im Vorfeld zog niemand so viel Interesse auf sich wie der Junge aus Asunción, der Hauptstadt Paraguays. Viel Häme war dabei, auch Mitleid. Die Bayern und ihre Millionen, jetzt vergreifen sie sich sogar an Kindern.

Wir sehen das anders, wir freuen uns auf Santa Cruz.

Er wird es schwer haben, das wissen wir. Der Winter ist immer die härteste Zeit für die Südamerikaner in der Bundesliga. Wenn die Temperaturen sinken, steigen das Heimweh und die Fehlerquote. Aber schon zuvor hat Santa Cruz eine Menge durchgemacht. Er mußte Lederhosen anziehen und er war auf dem Oktoberfest, eine Maß Bier in die Kameras haltend. Ein dunkelhäutiger Junge mit einem schmalen Lächeln. Bravo Sport hat uns erzählt, ob er schon und mit wem und wie. Bei Bayern hat er den dritten Hauskrach hinter sich, Scholl gegen Matthäus und Basler gegen Effenberg und Hitzfeld gegen Beckenbauer, und er versteht nie, worum es geht, weil Deutsch so schwer zu lernen ist. Er fragt sich nur, warum alle immer so grimmig dreinschauen. Vielleicht hat ihm Oliver Kahn in einem seiner unbeherrschten Momente die Ohren lang gezogen.

Und er weiß, wie sich die Grätsche von Kohler anfühlt und ein Tritt von Wörns. Er kennt die Klopper aus Rostock und die wütigen Rackerer aus Schalke, und wenn er Pech hat, ist er im Winter schon verletzt. Und wenn nicht, dann sitzt er meistens auf der Bank, weil Elber und Jancker und Paulo Sergio und Zickler und Salihamidzic auch Stürmer sind und zunächst vielleicht bessere als er. Sechs Leute, zwei Plätze.

Unser Mitleid wird sich in Grenzen halten. Er wollte zu den Bayern, er verdient eine Menge Geld, und er ist jung, aber alt genug, um zu wissen, was für ein Spiel Fußball ist. Er wird es schwer haben, aber wir hoffen auf ihn. Wir hoffen, mehr noch als ohnehin, dass die Bayern in der 80. Minute mit zwei zu null vorne liegen. Dann kann Trainer Hitzfeld etwas wagen, und dann wird er hoffentlich Santa Cruz einwechseln.

Wir sitzen am Radio, und die Kinder müssen still sein, und die Gattin darf uns nicht ansprechen. Santa Cruz, zischen wir. Wir schauen uns sogar wieder ran an, obwohl wir uns geschworen hatten, das nie wieder zu tun, wegen der Werbung und des ganzen Geplappers, aber den Jungen aus Paraguay wollen wir spielen sehen.