Es bedarf nicht erst einer Groteske wie des Jugendverbots für eine Shakespeare-Collage oder des Eröffnungsgenörgels aus Bundespräsidentenmund, um einen lieben alten Argwohn wiederzubeleben: Könnte es sein, dass das Städtchen Salzburg (samt restlichem Ländchen) seinen Festspielen nicht ganz gewachsen ist? Ästhetisch, ideell und kulturpolitisch?

Gerne lassen wir uns eines Besseren belehren - sofern jene Findungskommission aus pensionierten Sparkassendirektoren, philharmonischen Geigern und sonstigen Fachkräften, die nun mit der Suche nach einem Nachfolger für Gerard Mortier betraut ist, sich ihrer Aufgabe gewachsen zeigt, jenseits von Salzburger Lokallobbyismus, Wiener Hintertreppenpolitik und falschen Vorstellungen vom Festspielgast des nächsten Jahrhunderts. Denn als Befähigungsnachweis für die Leitung dieses komplexen, vielspartigen, internationalen Hochkulturfestivals der Luxusklasse braucht's ja weniger einen österreichischen Pass oder die Beherzigung apokryphen austriakischen National-Geschwurbels, wie es am Wiener Ballhausplatz zusammengeklittert und dann dem Gründungsvater Hofmannsthal in den Mund gelegt wird erforderlich wäre vielmehr, dass auch der nächste Intendant die Zeichen der Zeit richtig lesen und die Festspiele, ihre Idee und ihre Kundschaft triftig und zukunftstauglich definieren kann.

Ist eigentlich schon bemerkt worden, dass der Salzburger Festspielgast nicht mehr ist, was er war? Zu Karajans Zeiten mag es genügt haben, die Opulenzbedürfnisse eines gedanken- und anspruchslosen Geldadels mit einem überteuerten Prunk- und Protzfestival zu bedienen. Die Mortier-Dekade hat das gründlich geändert, durch eine Programmatik der maßvollen Moderne, aber auch, weil in den neunziger Jahren die Spendierlust der Besucher, verglichen mit der sorglosen Kulinarik der Achtziger, deutlich nachgelassen hat.

Der kulturelle Edeltourist ist nicht nur sparsamer geworden, mäkelig und allergisch gegen Nepp er hat vor allem den Snob-Value der Moderne entdeckt. Wenn er schon anderthalb DM-Riesen für zwei Opernkarten hinlegen muss, dann will er wenigstens den Avantgarde-Appeal genießen und sich einer Geschmackselite zurechnen dürfen, die dem Unerhörten, dem Riskanten und Nichtetablierten, dem Nirgendwosonstdagewesenen aufs anspruchsvollste beiwohnt.

Mortiers Salzburg hat eine neue Klasse von Mäzenen für sich gewonnen - Milliardäre, die ausdrücklich und ausschließlich Projekte der avancierten Moderne fördern. Rückfälle in geistlose Gestrigkeit werden nicht honoriert. Sie wären auch kulturpolitisch nicht mehr zu legitimieren. Die Findungskommission sollte das bedenken, wenn das reaktionäre Geraunze jetzt wieder losgeht.