In Kamerun geht die Geschichte los - in New Bell, einer hoffnungslos chaotischen Siedlung am Rande der Großstadt Duala, "wo menschliche Erfindungsgabe und Mutterwitz die Fiktion übertreffen. Wo der Überlebensinstinkt den Begriff von Zeit und Raum aufhebt" - und wo Blech und Pappe von den Errungenschaften des industriellen Zeitalters künden.

Eine schwer zu deutende Welt. Saida - die Heldin des Romans - wird es merken. In New Bell nämlich werden die alten Bräuche gerne laut gepredigt. Fromm glaubt Saida daran. Und fromm verschließt sie die Augen vor der Realität, wo es heiß hergeht. Längst hat sie das Alter hinter sich, in dem die anderen Mädchen ihr Jungfernhäutchen hastig im Gebüsch verlieren, um sich dann dem nächstbesten - am liebsten: einem Franzosen - als Eheweib zu verdingen. Aber Saida träumt immer noch vom Ernst der Liebe. Darüber wird sie zum Gespenst und Gespött des Dorfes. Am Ende bleibt ihr nichts übrig, als im zarten Alter von beinahe 50 Jahren in Paris ihr Glück zu suchen. Damit beginnt der zweite Teil des Romans.

Bis dahin haben wir die Bekanntschaft mancher New Bellianer gemacht: Honoratioren, Huren, Hanswürste. Manchmal tauchen Soldaten auf. Und wir hören von Hunger, Epidemien und Massakern. Bitter und bunt: Wie das so geht oder nicht geht, wenn sich eine halbversunkene magische Welt mit den bereits rostigen Versatzstücken einer fernen Moderne paart. Im Inferno dieses real existierenden Multikulti-Tuttifrutti entstehen Mischlingswesen, die gar nicht erst nach dem Sinn der Dinge fragen, sondern sich mittels unnachahmlicher Collagen aus List und Tücke, Instinkt und Witz durchs Leben schlagen.

"Für mich sind das die Menschen von morgen", sagt heiter Calixthe Beyala, die heute 37 Jahre alt ist und weiß, wovon sie redet: Sie stammt aus New Bell, aus einer bitterarmen Familie mit 12 Kindern. Die Liebe zu einem Franzosen brachte die Kamerunerin mit 17 Jahren nach Frankreich, wo sie studierte und eine Tochter zur Welt brachte. Sie lebt heute bei Paris und hat bislang 9 Romane veröffentlicht. Berühmt und ausgezeichnet in Frankreich, verehrt im Kamerun - ihr gefällt es, nirgendwo dazuzugehören. Recht hat sowieso keiner.

Womöglich dämmerte das auch den Unsterblichen, denn 1996 verliehen die grimmigen Hüter der Reinheit des Französischen Calixthe Beyala für Jenseits von Duala den Großen Romanpreis der Académie française. Eine Anerkennung auch der sonst gerne übersehenen Tatsache, dass das heilige Idiom der Grande Nation heute von mehr Afrikanern als Franzosen gesprochen wird. Das heißt nicht, dass die schwarzen Kinder der Kolonisation heute vom einstigen "Mutterland" auch mütterlich empfangen werden. Saida wird es in Paris erleben.

Doch nicht der mürrische Hochmut der Franzosen steht im Mittelpunkt des zweiten Teils, sondern die turbulente Welt der schwarzen Emigration in Paris: afrikanische Selbstbehauptung in einer überhitzten Metropole. Mitten im Zivilisationsmix sucht Saida, die anfangs weder lesen noch schreiben kann, noch immer den richtigen, den wahren Mann, der es Wert wäre, ihre Jungfernschaft zu beenden. Sie findet ihn - einen fröhlichen und wackeren Ritter der Gosse: einen Clochard.

Calixthe Beyalas romanesker Humor, der über die Schwächen und das Scheitern ihrer Landsleute funkelnd wacht, entfaltet eine besondere Wirkung: Wir lachen auch da, wo sonst Betroffenheit folgenlos brütet. Wir solidarisieren uns - nicht aus Mitleid noch als Problematisierungsexperten, sondern als unfreiwillig komische Emigranten unserer eigenen aus dem Ruder laufenden Realität.