An eine richtungweisende Begegnung in seiner Jugend erinnerte sich der alt gewordene Umberto Saba besonders gern: an die Audienz beim bewunderten Dichterfürsten D'Annunzio. Wie der ihn durch den Garten seiner Villa spazieren führte, sich großmütig Gedichte vortragen ließ, die er überschwänglich lobte und zu protegieren versprach, wofür sich der junge Mann mit einer ebenso überschwänglichen Geste revanchierte: Er opferte dem "Meister" seinen blonden Spitzbart, denn man hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er dem "Ruhmbedeckten" damit ungebührlich ähnlich sehe.

Andere haben sich weitgehender kasteit und dem Dichter auf ihrem Weg zum Ruhm sogar ihre Originalität geopfert. Für Saba - und darin lag das Richtungweisende seiner Begegnung mit D'Annunzio, der ihn und seine Gedichte im Übrigen schon bald nach jenem Besuch vollkommen vergessen hatte -, für Saba war mit dem Bart alle Ähnlichkeit abgetan. In seiner Poesie verkörpert er den vollkommensten Gegentypus brünftiger Metaphernseligkeit: ungezwungene noble Schlichtheit.

Und so kennen wir Umberto Saba, als Dichter des Canzoniere, seiner in fünf Jahrzehnten angewachsenen lyrischen Autobiografie und als Verfasser eines kleinen anrührenden Romans über seine Pubertätsjahre: Ernesto.

Der Auswahlband von 1964 mit Erzählungen und Prosaminiaturen Sabas aus den Jahrzehnten zwischen 1910 und 1950, der jetzt in der gelungenen Übersetzung von Anna Leube erstmals auf Deutsch erschienen ist, Der Dichter, der Hund und das Huhn, kann uns in unserer Zuneigung für diesen zartfühlenden Außenseiter und Dichter der Peripherie nur bestärken.

Der 1883 in Triest geborene Umberto Poli nannte sich nach dem hebräischen Wort für Brot: Saba, ohne dass ihn seine Poesie darum freilich je ernährt hätte. Dies taten bereitwilliger andere Bücher, die ihren Weg in Sabas kleines Triester Antiquariat gefunden hatten.

Diese Bücherhöhle, nach dem Ersten Weltkrieg erworben in der Absicht, "die alten Bücher in die Adria zu werfen" und den Laden dann zu einem höheren Preis weiterzuverkaufen, überstand wie der von den Nazis verfolgte jüdische Dichter in seinen wechselnden Verstecken die Barbarei und war bis zu seinem Tod 1957 Refugium und Schauplatz melancholischer Erinnerungen und Tagträumereien, auch höchst lebendiger Szenen und Begegnungen (etwa mit seinem ähnlich lange verkannten Kollegen Italo Svevo), die Saba zu kleinen Geschichten, Anekdoten, lyrischen Aperçus verarbeitete.

Der Dichter, der Hund und das Huhn also. Beginnen wir mit letzterem, mit einer Reminiszenz aus Kindertagen. Beginnen wir mit dem Huhn. Es hieß Co-Co und war der Liebling Odones, eines verträumten Muttersöhnchens, in dem wir leicht das Porträt des Dichters als junger Mann erkennen können. Er hätschelte und tätschelte das schöne Vieh, bis es schließlich an zu fettem Herzen starb. Der Dichter wurde reifer, doch Co-Co war nicht vergessen. Und als eines Tages die Versuchung an ihn herantrat, noch nicht in Gestalt gewisser Frauen, sondern in Gestalt einer poetisch gefiederten Henne auf dem Geflügelmarkt, da konnte er nicht widerstehen und opferte den ersten Lohn, um seinem geliebten Mütterchen eine Freude zu machen. Die Überraschung war allerdings auf seiner Seite, als er nach Hause kam und das arme Tier bereits gerupft und suppenfertig hinter der Tür hing. Und die grausam-komische Pointe dieser unsanften Vertreibung aus der Kindheit: Seine Glucken-Mama gesteht ihm fröhlich, dass sie als junges Mädchen niemals einem Huhn hätte den Hals umdrehen können. Das könnte sie erst, und zwar leichten Herzens, seitdem er auf der Welt sei.