Max Weber staunte nicht schlecht, als er eine Studie seines Schülers Martin Offenbacher las. Darin stand, versteckt in langen Zahlenkolonnen: Die Protestanten in Baden, Leipzig und Tübingen sind nicht nur gebildeter, sondern auch reicher als die Katholiken. Denn während die Katholiken lieber in kleinen Handwerksbetrieben arbeiteten, saßen die Protestanten an der Spitze der Großindustrie. Protestantismus gleich Kapitalismus - so die vereinfachte Formel - war für den Ökonomieprofessor Weber zur Jahrhundertwende eine völlig neue Entdeckung.

Webers wissenschaftliches Hauptinteresse galt sein Leben lang der Wirtschaftssoziologie. Die Ökonomie war für ihn ein System "zweckrationalen Handelns", wie er es nannte. So kreisten nach dem Lesen der Studie seine Gedanken um die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion und wirtschaftlichem Erfolg? Max Weber (1864 bis 1920) gab die Antwort in einer Aufsatzsammlung, bekannt unter dem Titel Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus und - neben dem posthum veröffentlichten Buch Wirtschaft und Gesellschaft - eines seiner herausragenden Werke. Gedruckt wurde Die protestantische Ethik in der Zeitschrift Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik , deren Mitherausgeber Weber war.

Auf der Suche nach dem "Geist des Kapitalismus" stieß Weber auf den Schweizer Reformator Johannes Calvin (1509 bis 1564) und dessen protestantische Weltsicht. Calvin war kein Ökonom, der nach einer neuen Wirtschaftsordnung strebte. Ihm ging es ausschließlich um das ewige Seelenheil der Menschen. Er predigte eine neue Prädestinationslehre, die Gott als allmächtigen Weltregierer beschreibt, der schon seit Ewigkeiten festgelegt habe, wer als Erwählter in den Himmel und wer als Verdammter in die Hölle komme. Nur der Erwählte ist beruflich erfolgreich und kann durch harte Arbeit Gottes Ruhm vermehren. Gelungene Arbeit galt als ein Zeichen dafür, wonach der religiöse Mensch sein Leben lang strebt: "Gnadengewissheit". Dass der schicksalhaft Verdammte häufig bettelarm blieb, war Gotteswerk.

Max Weber entdeckte im Calvinismus die ethischen Grundlagen für den neuzeitlichen Berufsmenschen. In dem steten Bemühen, Gnadengewissheit zu erlangen und Gottes Ruhm zu mehren, ordnete der Calvinist seine Lebensführung der Arbeit unter. Und dabei ging der Berufsmensch rational vor. Denn der Erfolg - und damit die Gnadengewissheit - war um so größer, je intelligenter und disziplinierter die Arbeit erledigt wurde. Doch was tun mit dem Reichtum, der leicht zum Luxusleben verführt? Calvins Antwort: "Es ist nicht sündhaft, reich zu sein. Sondern in Sünde fällt nur, wer sich auf seinem Vermögen ausruht und es zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden missbraucht."

Zwei Tugenden des modernen Berufsmenschen führten, so glaubte Weber, zum Geist des Kapitalismus: der ungeheure Wille zur Arbeit und der asketische Konsumverzicht. Es formierte sich ein im Privatleben anspruchsloser Unternehmertyp heraus, der nichts anderes im Sinn hatte, als zu sparen und sein Kapital zu vergrößern.

Der amerikanische Ölgigant John Davison Rockefeller war in den Augen von Max Weber der lebende Beweis für diese neue Berufsethik. Rockefeller verabscheute jedes Vergnügen und bezeichnete sein milliardenschweres Vermögen als "Gottesgeld". Geld also, das eigentlich Gott gehörte und das er auf Erden lediglich verwalten und vermehren sollte.

Von der calvinistischen Philosophie beseelt, fand der Geist des Kapitalismus nicht nur in Ländern wie Frankreich, Schottland und den Niederlanden viele Anhänger. Weber entdeckte, dass auch solche protestantischen Sekten nach Kapitalanhäufung strebten, die einer strengen und "asketischen Lebensführung" folgten, wie die englischen und amerikanischen Puritaner. Das unternehmerische Scheitern der katholischen Glaubenslehre erklärte Weber mit einer fehlenden Berufsethik. Weil das Betreiben von Geschäften zwecks persönlicher Bereicherung zu den Todsünden zählte, arbeiteten die Katholiken weniger als ihre protestantischen Glaubensbrüder.