Aus der Froschperspektive betrachtet, verbirgt das 35 Meter hohe Maschinenhaus des ehemaligen Kernkraftwerks "Bruno Leuschner" bei Greifswald seine wahre Größe. Zahllose mit Rohren und Leitungen verbundene technische Anlagen versperren im Innern den Blick. Wer jedoch über enge Treppen einen Weg nach oben zur Decke hin, zu den Turbinenständern und Generatoren, sucht, der erahnt das Ausmaß der bevorstehenden Aufgabe: Das Gewirr der Stahlträger, Treppen, Kräne, Maschinen und Kessel verliert sich in der Ferne. Weit hinten steht undeutlich eine Wand. Das menschliche Hirn ist offenbar nicht darauf ausgelegt, die Dimensionen eines Gebäudes von 39 Metern Breite und 1,2 Kilometern Länge zu erfassen.

All das wird nun auseinander montiert. Mit dem Zerlegen der heiklen Komponenten tritt das Projekt Ende dieses Sommers in die schwierigste Phase. Greifswald ist die größte Kernkraftwerk-Abrissstelle der Welt. Acht Reaktorblöcke sollten hier dereinst 3520 Megawatt Strom produzieren. Die Blöcke 1 bis 4 mit insgesamt 1720 Megawatt Leistung waren teilweise jahrzehntelang am Netz.

Die restlichen 600 000 Tonnen werden "nach und nach freigemessen", sagt Manfred Meurer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des KKW. Dazu werden Stahl und eventuell kontaminierter Beton in 100-Kilogramm-Stücke zerlegt und in Körben zur Messanlage transportiert. Freimessen bedeutet: Material mit einer radioaktiven Belastung unter 100 Becquerel je Kilogramm (1 Bq gleich 1 Teilchenzerfall pro Sekunde) wandert von hier auf Deponien oder zu Schrotthändlern. Übrig bleiben werden nach dieser Prozedur rund 100 000 Tonnen kontaminiertes Material, für das die EWN gleich nebenan ein Depot errichtet haben. Das 500 Millionen Mark teure Zwischenlager Nord (ZLN) fasst 200 000 Kubikmeter, was den Betreibern sofort den Verdacht eintrug, hier solle auch radioaktiver Müll aus westdeutschen Atommeilern untergebracht werden. Ein Verdacht, den Meurer energisch von sich weist.

Viele Verdächtigungen und Unterstellungen hat der Mann im Namen der Kraftwerker schon von sich gewiesen. Er kennt sie auswendig, dementiert sie ergeben. Mitnichten hätten hier Reaktoren des Tschernobyl-Typs gearbeitet, erklärt der ehemalige Fachdirektor Forschung und Entwicklung. Nein, zu unkontrollierten Abgaben von Radioaktivität sei es nie gekommen. Und, das ist Meurer wichtig: Stets sei die radioaktive Belastung des eigenen Personals unterhalb jener von westlichen Meilern geblieben.

Und Meurer hat auch nicht Unrecht, wenn er die in Greifswald installierten Reaktoren "vergleichsweise gutmütig" nennt. Die westliche Kerntechnik mit einem "hochgezüchteten Araberhengst" und die östliche mit einem "schleswig-holsteinischen Kaltblüter" vergleicht. Tatsächlich arbeiteten die sowjetischen Reaktoren mit weit geringeren Auslastungen als Westanlagen, wo aus einem ähnlich dimensionierten Reaktor nicht 440 Megawatt, sondern mehr als 1300 Megawatt Leistung gezogen werden.

Die westlichen Experten meinten: Ein GAU ist jederzeit möglich

Die Hälfte seines Lebens hat der 57-jährige Meurer mit dem Auf- und Abbau des KKW verbracht. Seine Kündigung (in zwei Jahren) hat der ehemals führende Ingenieur und Verantwortliche für 1000 Mitarbeiter längst in der Tasche. Als er 1976 nach Greifswald kam, waren die Blöcke 1 und 2 bereits am Netz. Das Kraftwerk beschäftigte rund 2000 Menschen. Zudem werkelten zeitweilig bis zu 12 000 Bauarbeiter auf dem Gelände am Bau der Blöcke 5 bis 8 und verschiedenen Nebeneinrichtungen.