Eigentlich war die Suche längst für aussichtslos erklärt worden. Nun, fast fünfzig Jahre nach Beginn der Fahndung, ist Robert Garry fündig geworden. Was der amerikanische Mikrobiologe vergangene Woche beim 11.

Internationalen Kongress für Virologie in Sydney verkündete, klingt reichlich fantastisch - könnte aber dennoch stimmen.

Garry und sein Forschungsteam haben ein seit Urzeiten in den menschlichen Chromosomen ausharrendes Viruserbgut entdeckt - und sie halten den Erreger, der vielleicht schon vor Hunderttausenden Jahren ins Genom des Menschen schlüpfte, für einen todbringenden Passagier im Zellkern. Er könnte einen gewichtigen Anteil an den Brustkrebserkrankungen haben. Garry taufte ihn HMTV (Human Mammary Tumor Virus).

Dreißig brustkrebskranke Frauen haben die US-Forscher bisher untersucht - rund neunzig Prozent trugen das Viruserbgut in ihren Zellen. In einer Vergleichsgruppe gesunder Frauen waren die Virusgene nur bei jeder fünften zu finden. Solche uralten Virenreste gibt es zwar viele im Erbgut des Menschen.

Rund 50 000 verschiedene blinde Passagiere sollen sich in den Chromosomen tummeln. Sie sind längst nicht mehr ansteckend, werden von Generation zu Generation weitergegeben und machen einen Großteil unserer Erbmasse aus.

Doch in den Brustkrebszellen der Frauen haben sich die Virusgene offenbar vermehrt - dort stieß Garry auf erheblich mehr Kopien des Viruserbguts als in gesunden Zellen. Zudem gebe es Anzeichen, erklärte Garry, dass es bei krebskranken Frauen auch biochemisch aktiv sei und die Zellen zur Produktion von virustypischen Eiweißstoffen veranlasse.

Verdächtig ist das neuentdeckte Viruserbgut auch aus einem weiteren Grund: Es gleicht fast aufs Haar einem Ende der dreißiger Jahre bei Mäusen entdeckten Virus. Das, so viel gilt als gesichert, kann bei Mausweibchen Brustkrebs hervorrufen. Jahrzehntelang hatten Labors in aller Welt vergeblich nach dem nun entdeckten Zwilling gefahndet. "Auch das neue Virus tritt in Brustkrebszellen gehäuft auf", erklärt Garry, "ich wäre sehr erstaunt, wenn es beim Menschen nicht zur Krebsentstehung beiträgt."